Test: Das neue MMI-System im Audi A8 mit Touchpad

Wie immer steckt auch ein bisschen sportlicher Wettbewerb dahinter, wenn die deutschen Hersteller ihre Oberklasse-Limousinen neu auflegen. Wer fährt an die Spitze: Audi mit dem A8, Mercedes-Benz mit der S-Klasse oder der 7er von BMW? Und dieses Kräftemessen betrifft maßgeblich die Kommunikationstechnik, also das feine Drumherum, das man zum Fahren nicht unbedingt benötigt, sondern das vor allem ein Ausweis von Fortschritt und Freude an der Technik sein soll.

Der schnelle Luxus: Der neue Audi A8 (Foto: Hersteller)

Zuletzt hatte BMW sein iDrive-System erweitert, und nun zeigte uns Audi den neuen A8. Das MMI-System der Ingolstädter stand im Vordergrund unseres Interesses, denn hier hat sich unglaublich viel getan.

Erste Eindrücke beim Einsteigen ins Fahrzeug: Die gesamte Bedienlandschaft rund um den Wählhebel des Automatikgetriebes wurde neu gestaltet, die MMI-Tasten befinden sich nun oben in der Nähe des Bedienfelds für die Klimaanlage. Aus dem großen Wählhebel wird ein breiter Yachthebel, der zugleich als Handauflage dient. Die Tasten werden etwas kleiner, rücken enger zusammen und teilen sich den Platz mit einem Touchpad, das auf sanfte Fingerbewegungen reagiert und eine Handschrifterkennung bietet. Liegt die Hand auf dem Yachthebel, landen die Finger geradezu automatisch auf der berührungsempfindlichen Fläche. Dieses Touchpad ist neu, kein anderer Hersteller hat Ähnliches im Angebot, Audi nennt es MMI Touch.

Satellitenansicht: Google Earth zeigt die Welt von oben (Foto: Hersteller)

Der zweite Blick: Bei der Cockpit-Anzeige treten Drehzahlmesser und Tachometer nach außen und zurück: zugunsten eines in Fläche und Bedeutung vergrößerten Fahrerinformationssystems, das als Zweitmonitor neben dem (elektrisch ausfahrbaren) Hauptdisplay fungiert, die Inhalte werden unabhängig voneinander angezeigt. Neu und nicht unbedingt ein Fortschritt ist das Karussellmenü im MMI-Display. Beim älteren MMI gibt es drei Bedienebenen: Beschriftete Tasten führen in die Hauptmenüs von Telefonie, Navigation und Unterhaltung. Der Controller übernimmt die Ansteuerung der einzelnen Menüschaltflächen. Softkeys, deren Bedeutung in den vier Ecken des Displays wiedergegeben ist, sind für kontextabhängige Funktionen zuständig. Nun kommt noch das Karussell dazu, und damit ertappt man sich dann immer wieder bei der Frage, welcher Weg in welches Menü führt. Die strenge Bedienlogik wird durchbrochen, man kann sich aber daran gewöhnen.

Skeptisch waren wir anfangs auch beim Touchpad. Wozu braucht man im Auto eine Handschrifterkennung, zumal doch Audi die nahezu durchgängig in allen Menüs funktionierende Spracherkennung noch einmal verbessert hat? Letztere erlaubt es nun, dass man Ort, Straße und Hausnummer eines Navigationsziels in einem Rutsch diktiert, lästige Wartezeiten der Art „den Ort bitte“, „die Straße bitte“ entfallen. Auch die Telefonabteilung profitiert von der Nuance-Software, und in Sachen Musik lassen sich sogar Interpreten oder Alben mit Sprachkommandos auswählen.

Aber das Touchpad hat durchaus seine Berechtigung. Nicht nur, weil es im Ruhezustand durch sanftes Antippen die Auswahl von bis zu sechs Radiostationen mit eingeblendetem Ziffernblock erlaubt, sondern vor allem bei der Internetanbindung, die im aktuellen A8 ebenfalls neu bei Audi ist. Dazu dürfen wir kurz ausholen: Während BMW in erster Linie ein gewohntes Browser-Fenster auf dem Monitor einblendet, auf dass man im stehenden Fahrzeug wie am PC „surfen“ kann, konzentriert sich Audi auf jene Netz-Informationen, die man unterwegs benötigt: Wetter, Reiseinfos und Nachrichten in komprimierter Form und wie in einem RSS-Reader dargestellt, also nicht als konventionelle WWW-Seite.

Und zweitens, das ist mehr als diese Spielerei: eine Online-Google-Suche für Sonderziele am Standort, Zielort oder in einem Umkreis. Hier findet man also beispielsweise über Google den Namen, die Adresse und vielleicht sogar die Telefonnummer des Steuerberaters oder Arztes, die allesamt eben nicht im klassischen Kartenmaterial der Navi-Hersteller verzeichnet sind. Weil eine sprecherunabhängige Spracherkennung an solchen Herausforderungen scheitern würde, springt das Touchpad ein. Man malt einen Buchstaben nach dem anderen auf der Fläche, das Erkannte wird noch einmal vom System leise vorgesprochen – und die Erkennungsrate ist großartig. Das Ganze geht deutlich schneller als die Buchstabenauswahl über den Controller mit entsetzlich vielen Drehbewegungen. Und wenn man das Prinzip einmal verstanden hat, kann man während der Fahrt fröhlich vor sich hinschreiben, ohne auch nur einmal den Blick von der Straße nehmen zu müssen. In diesem Sinne ist das Touchpad ein Pluspunkt. Dass man die Fundstellen sofort in die Routenführung übernehmen kann, ist klar, und angezeigte Telefonnummern lassen sich direkt aus der Trefferliste heraus wählen.

Aber wie kommen die Daten aus dem Internet ins Fahrzeug? Dazu hat Audi die Telefonabteilung sinnvoll erweitert. Wie gehabt erfolgt die Mobilfunkanbindung wahlweise über eine eigene Sim-Karte, die in die Anlage gesteckt wird, oder per Handy mit den Bluetooth-Profilen Sim-Access und Handsfree. Unser Fahrzeug war mit den geräuschdämmenden Akustikscheiben ausgerüstet, und so zeigte sich schnell, dass die simple Bluetooth-Anbindung mit Handsfree nicht viel bringt: Die Dämpfung der Mobilfunk-Signale durch die Scheiben ist zu groß.

Sim-Access war die bessere Lösung: Das Handy wird während der Fahrt schlafen gelegt, eine eigene Mobilfunkeinheit übernimmt die Kommunikation. So gibt es keine „Strahlenbelastung“ im Innenraum, und die Sende- und Empfangseigenschaften waren fortan erstklassig: An jenen Stellen, an denen mit anderen Freisprechanlagen die Gespräche regelmäßig abbrachen, gab es zwar die eine oder andere Störung, aber keine Unterbrechung. Mit Sim-Access oder der eigenen Sim-Karte in der Anlage wird dann auch der Kontakt zum Internet hergestellt. Im Unterschied zu anderen Systemen ist keine zusätzliche Karte für Datenverbindungen erforderlich. Die Konfiguration der Zugangspunkte erfolgt automatisch, im Dauereinsatz störend war die zu häufige Sicherheitsabfrage, ob man auch wirklich eine kostenpflichtige Datenverbindung herstellen wolle. In der Langversion des Audi A8 und demnächst auch im Standardmodell kann man ferner das Auto zum rollenden W-LAN-Hotspot machen, also Notebooks oder Smartphones über das MMI anbinden.

Hat man dann die ersten zwei, drei Fahrten absolviert, freut man sich über die Kontinuität des Bewährten – und stößt auf weitere ungezählte Neuerungen und Verbesserungen. Die wichtigsten für den Vielfahrer sind die hochwertigen Verkehrsnachrichten von TMC Pro und permanent eingeblendete Hinweise zum aktuell geltenden Tempolimit. Wie bei BMW gibt es eine kameragestützte Erkennung der Verkehrsschilder, und ein kleines Symbol im Cockpit-Display zeigt das Limit an. Sogar bedingte Einschränkungen (etwa bei Nässe) und die dynamischen Geschwindigkeitsanzeigen auf Autobahnen werden ebenfalls gut identifiziert. Wie bei anderen Anlagen ist die Erkennung nicht perfekt, aber trotzdem eine Wohltat, wenn das Tempolimit alle zwei Kilometer ohne ersichtlichen Grund wechselt.

Was die Leistungsfähigkeit von Navigation und Musikabteilung betrifft, sei kurz zusammengefasst, dass alles bis ins Detail auf höchstem Oberklasse-Niveau spielt. Die Routenführung mit dreidimensionaler Kartendarstellung setzt Gelände mitsamt Höheninformationen und großstädtischer Bebauung plastisch in Szene. Bei Bedarf lassen sich Bilder aus Google Earth nachladen, ein prachtvolles Erlebnis für den Beifahrer, der ins Staunen gerät. Routen lassen sich am PC planen und über Mobilfunk ins Auto schicken, und bei der Musikwiedergabe gibt es eine geradezu erschlagende Fülle von Möglichkeiten und Optionen. Eigene Stücke können auf der Jukebox genannten Festplatte abgelegt werden, portable Musikspieler finden mit USB oder iPod-Interface den Anschluss ans Fahrzeug. Eine Coverflow-Darstellung à la Apple iPod krönt die optische Präsentation des vorhandenen Musikmaterials, und die von uns erprobte Anlage von Bang & Olufsen mit einer Gesamtleistung von 1400 Watt gefiel vor allem mit ihrem unaufdringlich-neutralen Charakter. Audi ist einer der ersten deutschen Hersteller, der das Bluetooth-Profil A2DP für die drahtlose Musikübertragung verwendet. Ein iPhone beispielsweise kann ohne Kabelwirrwarr angebunden werden. Nutzt man trotzdem das kabelgebundene Musikinterface, funktionierte bei unserem iPhone 4 leider der Bluetooth-Freisprechbetrieb nicht mehr, ein Phänomen, das sich in Ingolstadt bislang nicht reproduzieren ließ.

MMI mit Touchpad (links) zur Handschrifteingabe (Foto: Hersteller)

In der Gesamtschau ist das neue MMI ein Schritt nach vorn, es bietet noch mehr Komfort im Auto, und die Google-Suche erweist sich in mancher Hinsicht als praktisch. Dass es Audi geschafft hat, auf dem Umweg über das Touchpad eine auch während der Fahrt sinnvoll nutzbare Internetanbindung herzustellen, ist gewiss erst der Anfang weiterer WWW-Inhalte im Fahrzeug. Die Oberklasse-Limousine wird zur Kommunikationszentrale. Vor allem, wenn ihr stolzer Besitzer hinten sitzt und sich chauffieren lässt. (F.A.Z. vom 31.08.10)

Preise: MMI Navigation mit MMI Touch inklusive Musik-Interface und Bluetooth-Schnittstelle: 2900 Euro, DVD/CD-Wechsler: 550 Euro, Bang & Olufsen-Musikanlage mit 19 Lautsprechern: 6500 Euro