Test: Google Nexus S

Einen Tick größer als ein iPhone 4: Google Nexus S (Foto: Hersteller)

Dieses Jahr wird das Jahr der Smartphones, der Taschencomputer zum Lesen der E-Mail, zum Surfen im Internet und zur Kontaktpflege in den diversen Netzwerken.  2010 sollen in aller Welt rund 270 Millionen in den Handel gebracht worden sein, für 2011 erwartet man eine Verdopplung der Verkaufszahlen.  Aber welches Betriebssystem macht das Rennen? In den Vereinigten Staaten stürmt seit Monaten das Android-Betriebssystem der „Open Handset Alliance“ nach vorn und liegt fast gleichauf mit Apples iOS für das iPhone und den Blackberrys des kanadischen Herstellers RIM. Global gesehen dominiert noch das ältere Symbian von Nokia, aber es verliert fortwährend Marktanteile. Und die Meinungsführer haben es schon lange abgeschrieben.

Für die meisten Fachleute ist klar: Android, das erst Anfang 2009 an den Start ging, wird schon in wenigen Quartalen weltweit die Führungsposition übernehmen. Warum Android? Das maßgeblich von Google vorangetriebene Betriebssystem ist freie Software und quelloffen. Ungeachtet der engen Bindung an den Suchmaschinenbetreiber kann man es ohne Gängelungen und Restriktionen nutzen, es ist zudem einfach in der Bedienung, sehr leistungsfähig und steht vor allem für eine geradezu atemberaubende Dynamik. In den vergangenen zwei Jahren wurde aus einem unscheinbaren hässlichen Entlein ein attraktives, modernes System mit allen wichtigen Funktionen – und mehr als 200.000 Zusatzprogrammen („Apps“). Dass Android im neuen Jahr einen kräftigen Aufschwung erleben wird, liegt darüber hinaus am Gerätepreis. In den nächsten Monaten werden günstige Androiden für weniger als 200 Euro erhältlich sein, hier und da ist sogar von 100 Euro die Rede.

Nun präsentiert Google sein zweites Modell mit „Android pur“, das Nexus S. Es ist das neue Referenzgerät, denn neben dem ein Jahr alten Nexus One (hergestellt von HTC) ist es der einzige Androide, der ohne jedes „Tuning“ in den Handel kommt. Bei allen anderen Produkten von HTC, Samsung, Motorola, Sony Ericsson und LG gießen die Hersteller ihre eigenen Erweiterungen über das Betriebssystem. Das soll raffinierte Verfeinerung sein und Zeichen der Eigenständigkeit. Tatsächlich aber sind diese Extras ein Ärgernis, weil sie überflüssig und meist unpraktisch sind und wertvolle Systemressourcen in Anspruch nehmen. Das Tuning verhindert zudem, dass Android-Aktualisierungen rasch auf das jeweilige Gerät gelangen. Alles muss erst produktspezifisch angepasst werden. Für das Motorola Milestone vom Dezember 2009 ist beispielsweise Android 2.2 (Froyo) noch immer nicht erhältlich. Also gute Gründe für Android ohne Schnickschnack.

Das Nexus S, das derzeit nur in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien für weniger als 500 Euro erhältlich ist, bringt als erstes und vorerst einziges Modell das ganz neue Android 2.3 Gingerbread mit, es ist also auch in dieser Hinsicht ein Vorreiter. Doch zunächst ein Blick auf die Hardware. Das von Samsung produzierte Gerät folgt unverkennbar dem Galaxy S der Koreaner: Es hat im Unterschied zum Nexus One ein Super-Amoled-Display, das hinsichtlich Sättigung, Leuchtstärke und Farbwiedergabe sofort überzeugt, aber draußen bei hellem Sonnenschein etwas schlecht ablesbar ist. Anzeige und Gehäuse sind übrigens leicht konkav gebogen. Es dominiert ein sehr dünnes und billig wirkendes Plastik, Materialanmutung und Verarbeitungsqualität sind bestenfalls ausreichend. Das Nexus S ist uns zu glatt und rutscht leicht aus der Hand, es ist aber ein bisschen größer und dicker als das iPhone 4 (6,3 × 12,4 × 1,1 Zentimeter, 130 Gramm).

Außer den Tasten zum Einschalten und zur Regulierung der Lautstärke gibt es keine mechanischen Bedienelemente. Die Android-Tasten am unteren Bildschirmrand sind Softkeys, selbst ein Kamera-Auslöser fehlt. Vermissen wird man ferner die für Android typische Leuchtdiode oder illuminierte Rollkugel, die auf verpasste Ereignisse, neue E-Mail oder Chat-Anfragen hinweist. Sogar den Speicherkarten-Einschub für Micro-SD-Medien hat man sich gespart, dafür sind üppige 16 Gigabyte fest eingebaut – und wie eine Speicherkarte ansprechbar. Der interne Arbeitsspeicher für Programme ist 1 Gigabyte groß. Nach der Installation etlicher Apps blieben bei uns 800 Megabyte frei. Probleme mit knappem Speicher, wie man sie vom Samsung Galaxy S oder HTC Desire kennt, dürften hier also nicht auftreten.

Der A8-Hummingbird-Prozessor von ARM mit 1 Gigahertz gewährleistet genug Arbeitstempo, man bewegt sich flott durch die Menüs. Die Bildschirmauflösung von 800 × 480 Pixel, die Ausstattung mit UMTS und HSDPA (bis 7,2 MBit/s), GPS, Bluetooth und Wireless-Lan, Micro-USB zum Laden und PC-Anschluss sowie 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse für die Audiowiedergabe folgen üblichen Standards. Zwei Kameras (auch für Videotelefonie) sind eingebaut, die bessere Optik auf der Rückseite löst mit 5 Megapixel auf und wird von einem LED-Blitzlicht unterstützt. Die Fotoqualität ist gut, aber nicht sehr gut (bisweilen stört ein leichter Rotstich in der Bildmitte), und Freunde des bewegten Bilds werden die karge Videoauflösung von 720 × 480 Pixel beklagen. Innovativ ist der eingebaute NFC-Sensor für die „Near Field Communication“; der Standard zum kontaktlosen Datenaustausch über sehr kurze Strecken soll bei bargeldlosen Zahlungen künftig eine große Rolle spielen. Schon gibt es beispielsweise mit NFC das „Handy-Ticket“ im Rhein-Main-Verkehrsverbund. Vermisst haben wir zwei Funktionen, die beim Galaxy S zur Basisausstattung gehören: DLNA zum Medien-Streaming und Bluetooth Sim Access für hochwertige Auto-Freisprechanlagen.

Mit älteren Android-Apps ist Gingerbread kompatibel. Wir haben nicht ein einziges Problem bemerkt, aber das neue 2.3 hat doch einige Macken. So stellte sich mehrfach ein gewisses Chaos bei Klingel- und Hinweistönen ein. Anstelle des gewohnten Ruftons ertönte etwa beim eingehenden Anruf ein justament geladener Podcast. Wie beim Nexus One sind kleine Unstimmigkeiten mit den W-Lan-Routern von AVM zu beobachten. Nicht immer fand das Nexus S unmittelbar den Kontakt zur Fritzbox, wir probierten die Modelle 7270 und 7390 aus.  In Diskussionsforen werden weitere Tücken beim Einsatz von W-Lan beschrieben, die wir mit unserem amerikanischen Testgerät nachvollziehen können. Nicht ganz reibungslos lief deshalb die Erprobung einer weiteren Gingerbread-Neuheit: die Voip-Software für Internettelefonie nach dem Sip-Protokoll. Man muss nur Benutzernamen, Kennwort und Server eingeben, schon ist das Smartphone eine Art Schnurlostelefon mit Voip. Allerdings funktioniert das Ganze nur, wenn man im W-Lan eingebucht ist, nicht in den Mobilfunknetzen. Abgehende Anrufe gelangen einwandfrei, bei den ankommenden waren wir in einem von zehn Versuchen angeblich nicht erreichbar. Wer Voip mit älteren Androiden ausprobieren will, nehme die App „Sipdroid“, die zudem mehr Funktionen bietet.

Indes weist das neue Gingerbread viele kleine Verbesserungen auf, die man erst auf den zweiten Blick entdeckt. Markieren und Kopieren von Text ist einfacher geworden, die Bildschirmtastatur wurde deutlich verbessert, und das System insgesamt wirkt schöner und detailreicher. Das Speichersystem wurde grundlegend überarbeitet, es gibt nun eine detaillierte Statistik zum Stromverbrauch. Die wird man des Öfteren zu Rate ziehen, denn wie bei anderen Androiden ist die Akkulaufzeit wegen des uneingeschränkten Multitasking ein wunder Punkt. Bei mäßiger Nutzung musste unser Gerät spätestens nach 12 bis 13 Stunden an die Ladestation, sorgfältige Feinjustage brachte nichts. Mit einer Ausnahme: Das Abschalten von Wireless-Lan hilft. Das iPhone 4 jedoch hält bei uns doppelt so lange durch. Schwach ist Android 2.3 wie gehabt bei der Sprachwahl und der Spracherkennung. Unser Fazit: Hinsichtlich der Hardware und Verarbeitungsqualität ist das neue Google-Smartphone dem iPhone 4 klar unterlegen. Aber das schnörkellose Gingerbread ist ein großer Wurf, es überzeugt mit Gradlinigkeit und Konsequenz, es bindet sich in vorhandene Strukturen und Netze geschmeidig ein, ist leistungsfähig und schnell. Wer von Android begeistert ist, sollte dieses Gerät kaufen und kein anderes. Im Frühjahr kommt es auch nach Deutschland.