Test: HTC Desire HD

Es kommt nicht nur auf die Größe an: Das neue HTC Desire HD aus allen Blickrichtungen (Foto: Hersteller)

Man könnte es sich einfach machen und in das Lob einstimmen, das derzeit überall zu hören ist. Das HTC Desire HD ist demnach geradezu ein Über-Smartphone, das alles in den Schatten stellt. Dieses Android kommt mit Vollausstattung, ist rasend schnell und bietet Speicherplatz zum Abwinken, der Faszination des Taiwanesen kann man sich schwerlich entziehen. Zu den leckeren Finessen gehört der 1-Gigahertz-Prozessor, der ein geradezu atemraubendes Tempo vorlegt. Die Speicherprobleme des kleinen Bruders HTC Desire (und vieler anderer Oberklasse-Androiden) gehören der Vergangenheit an: Von den 1,5 Gigabyte Arbeitsspeicher stehen selbst nach der Installation Dutzender Zusatzprogramme noch 900 Megabyte zur Verfügung, das ältere Desire ächzte unter der Last und gab eine Fehlermeldung nach der anderen aus. Und natürlich kann man für eigene Daten mit Micro-SD-Medien nachrüsten. Die 8-Megapixel-Kamera macht draußen hervorragende Aufnahmen und in geschlossenen Räumen bei guter Beleuchtung ebenfalls. Es gibt eine Gesichtserkennung, viele Motivprogramme sowie einen (gemächlich arbeitenden) Autofokus. Die übrige Ausstattung ist ebenfalls vom Feinsten: Der UMTS-Turbo HSDPA schaufelt mit bis zu 14,4 MBit/s die Daten aus dem Mobilfunknetz ins Gerät, GPS, Bluetooth und Wireless LAN sind eingebaut, und das aktuelle Android 2.2 kommt zum Einsatz.

Über-Smartphone ist auch deshalb eine treffende Bezeichnung, weil das Desire HD mit Maßen von 6,8 × 12,3 × 1,2 Zentimeter das ältere Desire deutlich überragt, es ist vor allem dicker und schwerer (165 Gramm). Dieses Trumm packt man nicht mehr in die vordere Hosentasche, seine Bildschirmdiagonale von fast elf Zentimeter setzt ebenfalls Maßstäbe. In Sachen Bauform gerät man jedoch schnell ins Grübeln. 480 × 800 Pixel löst das Display auf, das iPhone 4 hingegen bietet auf kleinerer Fläche 640 × 960 Pixel mit knackscharfen Buchstaben.

Hier kann das Desire HD nicht nur nicht mithalten. Man fragt sich, warum das Gerät so groß geraten ist, wenn die Bildschirmauflösung nur den gängigen Standards folgt und kein bisschen mehr bietet. Auch die Qualität der Anzeige lässt zu wünschen übrig. Zum Einsatz kommt ein schlichtes LC-Display, das hinsichtlich der Farbwiedergabe neueren Amoled-Anzeigen klar unterlegen und bei strahlendem Sonnenschein schlecht abzulesen ist. Weitere Kritik darf man an der Verarbeitungsqualität üben. Dass es sich beim Gehäuse um eine Aluminium-Unibody-Konstruktion handelt, wie häufig zu lesen ist, wagen wir doch zu bezweifeln, wenn man damit eine Hülle meint, die aus einem Leichtmetall-Block herausgefräst wurde. Hier liegt jedoch ein gefalztes Metall vor, das mit Aussparungen für Fotoblitz, Kameraleuchte, Akku, Speicher- und Sim-Karte versehen wurde. Die Kunststoffabdeckungen an der Seite und unten wirken ebenso billig wie die nicht präzise einrastenden Tasten zum Ein- und Ausschalten und zur Regulierung der Lautstärke. Deutlich besser gefallen die berührungsempfindlichen Sensorflächen unterhalb der Anzeige, ein Gewinn gegenüber dem Vorgänger mit schnell verschmutzenden mechanischen Tasten.

Wie bei HTC üblich, gießen die Taiwanesen ihre Sense genannte Oberfläche über das Betriebssystem Android. Auch Motorola und Samsung meinen, dass solche „Verschönerungen“ einen Mehrwert darstellen. Tatsächlich geht es aber darum, dass sich die Hardware-Hersteller ein Stück vom großen Kuchen der Inhalte und der sozialen Netzwerke einverleiben wollen. Sie treten deshalb beispielsweise bei Facebook oder Twitter als „Man in the Middle“ auf, greifen die Zugangs- und Nutzerdaten ab und versuchen krampfhaft, in einer Sphäre mitzumischen, in der sie eigentlich nichts verloren haben.

Bei dem hier grundlegend erweiterten Sense sieht man das an jeder Ecke, vor allem wegen der (abschaltbaren) Verknüpfung des Smartphones und der Nutzerdaten mit einem Web-Server von HTC. Auf den ersten Blick ist die Steuerung im Browser-Fenster beeindruckend: Man kann das Gerät orten, sperren oder löschen, SMS am PC schreiben und ebendort Rufweiterleitungen einrichten. Vieles funktioniert aber noch nicht immer, und ein genauer Blick hinter die Kulissen fördert unschöne Dinge zutage: nicht nur, dass die privaten Kontaktdaten aus dem Telefonbuch hochgeladen werden, sondern auch, dass ein Abgleich mit anderen Desire-Besitzern vorgenommen wird. Die sieht man in einer „HTC Community“ mit Name und gegebenenfalls auch mit Foto. In unserer Liste standen einige bekannte Namen und viele Unbekannte, die uns dann wohl auch gesehen haben.

Der Akku reicht nur für einen knappen Arbeitstag

In der Gesamtschau meinen wir, dass das nackte Android 2.2 schöner und vor allen Dingen schlanker ist. Richtig ärgerlich wird das Ganze bei Fehlern, die sich hier eingeschlichen haben und die bei „Android pur“ nicht zu beobachten sind. Der Kalender beispielsweise zeigt in der Wochenansicht nur farbige Balken bei Terminen, nicht aber den zugehörigen Texteintrag. Ferner lassen sich Kalender aus unterschiedlichen Quellen nicht kombinieren. Wir probierten die Business-Lösung Google Apps für Unternehmen und konnten nur einen einzigen Kalender zur Ansicht bringen – eine Hürde, die übrigens das Nexus One und das iPhone spielend überwinden. Auch das permanente Aktivieren des Bildschirms bei einem Kalendereintrag mit Alarm halten wir für einen Fehler: Der Akku wird auf diese Weise schneller geleert, als einem lieb ist. Er hält ohnehin nur knapp einen Arbeitstag durch.

Bei den Kontakten kann man zwar wählen, welche von welchem Konto angezeigt werden – synchronisiert sind aber unabhängig von dieser Einstellung alle. Die böse Überraschung kommt dann beim Einsatz mit der Bluetooth-Freisprecheinrichtung im Auto. Sie zeigt wirklich alle Einträge an, und das kann schnell zum Datenchaos führen. Auch die zahlreichen Suchfunktionen verwirren. Neben der Suchtaste am Bildschirmrand stehen eine Schnellsuche, eine Sprachsuche und eine Kontaktsuche als eigene Menüs parat. Nur am Rande: Die Spracherkennung (von Google) ist im Vergleich mit Dragon Dictation (von Nuance, nur fürs iPhone) grottenschlecht.

Mit HTC Locations erhält man neben der Gratis-Navigation von Google einen zweiten Routenführer, der allerdings kostenpflichtig ist, wenn man mehr als nur die Wegbeschreibung sehen will. Überzeugend funktionierte allerdings nicht einmal die unentgeltlich installierte Variante. Mehr Freude bereitet die DLNA-Unterstützung, wie man sie auch auf den neueren Samsung-Androiden findet. Mit diesem Standard der „Digital Living Network Alliance“ kann man flink auf dem Smartphone auf jene Medien zugreifen, die sich beispielsweise auf TV-Receivern oder einer an der Fritzbox angeschlossenen Festplatte befinden. Sehr schön auch die obere Menüleiste, die wie beim iPhone einen Schnellzugriff auf die zuletzt gestarteten Anwendungen erlaubt, und das Tethering, das aus dem Desire HD einen mobilen Hotspot für Notebooks und andere Geräte macht. Alles in allem meinen wir, dass zwar die Fülle der Möglichkeiten überragend und faszinierend ist. Für 600 Euro erhält man viel – in jeder Hinsicht. Aber eine gewisse Sorgfalt in den Details hätten wir uns ebenfalls gewünscht, und das gilt umso mehr, als das Android-Betriebssystem und der Android-Markt zunehmend unübersichtlich werden. Aber das ist ein anderes Thema. (F.A.Z. vom 30.11.10)