Test: TomTom Go 1000

„Wir haben die besten Verkehrsdaten“, schwärmt Tom-Tom-Vorstand Alain de Taeye und zeigt uns stolz das „Go 1000“, ein Navi für die Windschutzscheibe. Das war vor einigen Wochen, und wir sind damit mehr als 1000 Kilometer durch Deutschland gefahren. Die besten Verkehrsdaten zur Umfahrung von Staus und zur Optimierung der Reiseroute: Dafür arbeiten die niederländischen Nachrüst-Spezialisten mit einem Potpourri verschiedener Systeme.

Mit Fahrspur-Assistenten: Tom Tom Go 1000 (Foto: Hersteller)

Zunächst kommt Floating Car Data (FCD) zum Einsatz. Hier werden automatisch generierte Stauinformationen über Mobilfunk an eine Zentrale übertragen, abermals auf Stichhaltigkeit überprüft und mit statistischen Modellrechnungen zu einem Lagebild verknüpft. Damit ist sogar eine Vorhersage von Staus möglich. Der Besitzer eines Tom-Tom-Routenführers mit Mobilfunkeinheit ist also ein anonymer Staumelder. Aber nicht nur das: In Zusammenarbeit mit Vodafone werden Bewegungs- und Verkehrsdaten aus den Mobilfunknetzen gewonnen, diese Technik heißt Floating Phone Data (FPD). 30 Millionen Handy-Kunden hat Vodafone in Deutschland. Sobald jemand telefoniert und sich dabei mit einer gewissen Geschwindigkeit bewegt, also im Auto aufhält, lassen sich Hinweise auf die Verkehrslage ablesen. Tom Tom registriert dabei nicht den Zellenwechsel, also den Übergang von einer Mobilfunk-Basisstation zur nächsten, sondern setzt auf ein genaueres Verfahren, das die Entfernung zur Basisstation misst.

Dazu kommt eine dritte Technik der Stauforscher: Tom Tom sammelt seit 2006 Daten und Statistiken zu jedem einzelnen Straßenabschnitt in Deutschland samt den dort erzielten Geschwindigkeiten. Aus diesem historischen Material wurden die „IQ Routes“ erstellt, Tempoprofile einzelner Segmente in Abhängigkeit von der Tageszeit. Zu jeder Straße kennen die Niederländer das typische Fahrtempo, und zwar, man höre und staune, im Fünfminuten-Takt. Diese IQ Routes werden bei der Streckenplanung ebenfalls eingesetzt. Das System „ahnt“ also, dass es am Freitagnachmittag auf der A5 kritisch werden könnte. Mittlerweile sind so viele Tom-Tom-Navis mit Mobilfunk im Einsatz, dass sich der Hersteller nun weit aus dem Fenster lehnt. Nach wissenschaftlichen Untersuchungen könnten Autofahrer, die das Tom-Tom-Paket mit Mobilfunk („HD Traffic“) nutzen, ihre Fahrzeit im Durchschnitt um 15 Prozent reduzieren. Aber nicht nur das: Würden zehn Prozent aller Autofahrer HD Traffic einsetzen, stelle sich ein „kollektiver Effekt“ ein, der zu einer Verkürzung der Reisezeit aller Verkehrsteilnehmer um bis zu fünf Prozent führe. Anders ausgedrückt: Wer eine klug berechnete Umleitung fährt, reduziert den Verkehr auf überlasteten Straßen.

Das von uns erprobte Go 1000 empfängt Verkehrsinformationen alle zwei Minuten über Mobilfunk. Die Routenplanung erfolgt zudem mit Unterstützung von Tom-Tom-Servern. Auf diese Weise lässt sich der Korridor, der für eine Reise infrage kommt, deutlich vergrößern. Für rund 300 Euro ist der Apparat im Handel. Die Mobilfunk-Dienste werden zwei Jahre lang unentgeltlich bereitgestellt und kosten danach jährlich 50 Euro.

Unsere längste Tour führte von Butzbach nach Bad Driburg, zwei Stunden und 17 Minuten zeigt Google Maps für 222 Kilometer über die A5 und die A7. Ein geringfügig kürzerer Weg (193 Kilometer) über die Bundesstraße 252 soll drei Stunden und 12 Minuten dauern, also keine Alternative. Das sieht Go 1000 aber ganz anders. Geradezu trotzig will uns der Apparat in Richtung Marburg über die Bundes- und Landstraßen führen, obwohl auf der Autobahn kein einziger Stau in Sicht ist. Der Zeitvorteil soll fünf Minuten betragen. Wir nehmen trotzdem die bequeme Autobahnstrecke – und kommen 30 Minuten früher als berechnet an, obwohl wir die 200-km/h-Marke nicht einmal überschreiten. Tom Tom erklärt dazu: Der Routenberechnung liegt ein Autobahn-Tempo von 110 km/h zugrunde. Daraus resultiere die kuriose Streckenwahl. Für den Langstreckenfahrer auf deutschen Autobahnen ist das ein K.o.-Kriterium, zumal sich auch der Wert vom Kunden nicht ändern lässt.

Die Ansagen und die Hinweise auf dem Display sind zudem nicht immer gut. Altbekannte und typische Tom-Tom-Unzulänglichkeiten wurden auch bei diesem aktuellen Produkt nicht behoben. Da kommt etwa auf einer Landstraße nachts die Meldung „Abbiegung links vor Ihnen“. Wir sehen nichts und bremsen vorsichtshalber. Tatsächlich ist die Kreuzung noch mehr als einen Kilometer entfernt. Da gibt es beim Autobahnwechsel den Hinweis, dass man auf die Autobahn fahren möge, obwohl man sich unzweifelhaft schon darauf befindet. Da ändern wir zwecks besserer Übersicht den Kartenzoom – und ärgern uns, dass er sich wenig später von allein auf den Standardwert zurückstellt. Obwohl die Hinweise auf Gefahrenstellen von Tom Tom ausführlich beworben werden („Voranzeige von Standorten mobiler Radarkameras, Aktualisierung in Echtzeit“), erreicht uns nicht eine einzige Meldung. Die Hinweise beim Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit kommen schon bei wenigen km/h, eine Toleranzgrenze lässt sich im Unterschied zu anderen Navis nicht programmieren. Wie bei Tom Tom üblich, sind die Menüs tief verschachtelt, und wenn man nur eine Kleinigkeit ändern will, muss man etliche andere Parameter immer wieder und aufs Neue bestätigen. Kurzum: Man kommt ans Ziel, aber deutlich schlechter als mit anderen Nachrüst-Navis, hier fehlen der Feinschliff und die Liebe zum Detail.

Aber nun zu den guten Seiten, den Verkehrsinfos, die wir einige Wochen lang im Frankfurter Raum abgerufen und geprüft haben. Sie sind in der Tat bemerkenswert präzise. So wurde uns erstmals der morgendliche Stau auf der Saalburgchaussee bei Bad Homburg angezeigt. Selbst teure Anlagen der Werksausstattung mit Floating Car Data sind nicht in der Lage, dieses Dauerproblem der Pendler aus dem Vordertaunus korrekt wiederzugeben. Auch die detailreiche Darstellung des Verkehrsgeschehens rund um Frankfurt gefiel. Während andere Navis einen schon bei kleinsten Störungen von der Autobahn A5 lotsen, hielt sich Go 1000 dezent zurück, und das war fast immer richtig. Im Unterschied zur Konkurrenz waren längere Routen durch die Stadt klug gewählt. Hier merkt man, dass Tom Tom mehr über den Verkehr weiß als andere. Alles in allem entsprach die Routenwahl im Frankfurter Raum zu unterschiedlichen Tageszeiten ungefähr dem Erfahrungswissen eines Ortskundigen à la „hier geht’s mittags flott voran, aber im Berufsverkehr steht man ewig“. Die Verkehrsdaten können also durchaus ein starkes Kaufargument sein, der Mehrwert ist klar erkennbar. Wer sich vorab über die Güte der Staumeldungen in seiner Region informieren will, kann HD Traffic live im Internet mitverfolgen. Während unseres Tests ist übrigens schon der Nachfolger Go 1005 erschienen, und die (fehlende) Warnung vor Unfallschwerpunkten wird mittlerweile nicht mehr beworben.

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