Die guten alten Zeiten von Nokia: Mein Test des Nokia Communicator 9110 im Jahr 1999

Man beachte: Der Begriff „Smartphone“ war noch unüblich, es gab damals noch kein GPRS, kein Bluetooth. Das Gerät hatte eine Display-Auflösung von 640 x 200 Pixel, und die Anzeige war monochrom. Als Prozessor kam ein AMD mit 33 Megahertz zum Einsatz! Das Speichermedium war eine MMC-Karte, und dies war der erste Communicator, für den es Software von anderen Herstellern gab. Heute würde man „Apps“ sagen.

Zukunft, die schon bald Gegenwart ist / Mit dem Handy ins Internet: Nokia Communicator 9110

Ein spannendes Thema der Cebit-Messe in diesem Monat wird die Datenübertragung mit dem Mobiltelefon sein. Viele Hersteller zeigen Handys, mit denen man unterwegs ruckzuck seine E-Mail abfragt oder im Internet nach aktuellen Nachrichten fahndet. Noch blockiert der Flaschenhals von maximal 9600 in der Sekunde übertragbaren Bits einen schnellen Datenfluß in den GSM-Netzen. Abhilfe sollen verbesserte Protokolle schaffen. Der UMTS-Standard wird vom Jahr 2002 an hohe Übertragungsraten für eine ganz neue Handy-Generation bereitstellen. Als Zwischenlösung für die nächsten Jahre bietet sich zum einen das Wireless Application Protocol (WAP) an, das eine rein textorientierte Kommunikation erlaubt, freilich nur für den Zugang zu speziellen Internet-Seiten. Zum anderen werden die GSM-Netze künftig auch mit dem General Packet Radio Service (GPRS) ausgestattet sein, der mit Kanalbündelung rein theoretisch bis zu 115 000 Bit in der Sekunde über den Äther springen läßt. Sollte dieses Tempo jenseits von Modem und ISDN tatsächlich erzielt werden – Experten bezweifeln das -, wären selbst Videokonferenzen mit dem tragbaren Telefon denkbar. Bevor diese Zukunftmusik tatsächlich aufspielt, zeigt der finnische Hersteller Nokia mit seinem Communicator 9110, was derzeit im D-Netz möglich ist. Bei diesem Gerät für 1800 Mark (ohne Kartenvertrag) handelt es sich um die Weiterentwicklung des alten Modells 9000, das vor drei Jahren als erstes Mobiltelefon mit Organizer, Fax und E-Mail ebenfalls zur Cebit präsentiert wurde.

Aus einer anderen Zeit: Nokia 9110 (Foto Hersteller)

Gegenüber dem brikettschweren Vorgänger ist der neue Communicator leichter und schlanker geworden. Dennoch drückt er mit seinen 250 Gramm gewaltig in der Jackentasche und benötigt mit dem Umfang von 160 × 55 × 27 Millimeter auch eine Übergröße, falls man ihn mit einem kleidsamen Schutztäschchen versehen will. Die oben im Gehäuse eingelassene Stummelantenne ist herausklappbar. Wenn man sie schräg ausrichtet und dann auf die asymmetrisch gestaltete Front blickt, könnte man fast ein freches Zwinkern im Display des kleinen Finnen entdecken. Das moderne Design gefällt jedenfalls. Während die Bedienung des Telefons mit den recht winzigen Tasten unterhalb der Anzeige erfolgt, zeigt der Nokia seine inneren Werte nach dem Aufklappen des Gehäuses auf der Seite liegend. Dann erscheint oben ein zweites Display, riesige 11 × 3,5 Zentimeter groß und auf Knopfdruck beleuchtbar, und unten eine Mini-Tastatur mit eigenwilliger Belegung für Sonderzeichen und Umlaute: Voilà, das Organizer-Menü ist serviert.

Zunächst verbirgt sich im Inneren ein Kalender mit Tages-, Wochen- und Monatsansicht, der auch sich überschneidende und wiederholende Termine erfaßt. Ferner verwaltet der Nokia eine Aufgabenliste und stellt einen Notizmodus für längere Texte zur Verfügung. Die Adreßverwaltung (mit teilweise änderbaren Feldbezeichnungen) sichert die Daten auf der SIM-Karte des Handys sowie im 2 Megabyte großen Speicher des Geräts, der sich mit einer zusätzlichen Flash-Karte noch erweitern läßt. Eine mitgelieferte Software überspielt alle persönlichen Daten auf den PC, dort lassen sich dann Termine und Adressen unter Windows 95/98 kommod verwalten.

Um die Internet-Dienste oder Fax und E-Mail zu nutzen, muß der Communicator zunächst konfiguriert werden. Für das Empfangen und Versenden von Fernkopien (die SIM-Karte muß dafür freigeschaltet sein) ist das noch recht einfach, komplizierter gerät indes die Einrichtung des Finnen für die Datendienste. Das Gerät unterstützt den PPP-Standard bei der Einwahl und die gängigen Protokolle SMTP, IMAP4 sowie POP3 für die elektronische Post. Obwohl sich die meisten Internet-Anbieter an diese Normen halten, sollte man Erfahrung und Geduld bei der Einstellung der diversen Parameter mitbringen. Wir benötigten einige Stunden, bis die erste E-Mail auf dem Display erschien. Mit AOL funktioniert das Gerät übrigens nicht.

Mit dem komplett eingerichteten Communicator kann man dann tatsächlich im Auto oder in der Bahn die E-Mail lesen und schreiben, Faxe versenden und empfangen oder im Internet stöbern. Die kontraststarke Anzeige hat einen flexiblen Zoom, so daß auch Kleinigkeiten auf den Fernkopien oder WWW-Seiten zu erkennen sind. Allerdings zeigen sich schnell die Grenzen der GSM-Technik: Die typische Abfrage des elektronischen Postkörbchens mit einem Dutzend neuer Nachrichten dauert 5 bis 10 Minuten, also erheblich länger als mit herkömmlichem Modem und PC. Auch der Zugang zum Internet ist mit 9600 Bit je Sekunde qualvoll langsam. Zudem stören auf den meisten bunten Seiten die im Browser als Symbol angezeigten Bilder sowie verschachtelte Rahmen (Frames). Für die Kommunikation unterwegs ist der Nokia also ein Notnagel, aber kein vollwertiger Ersatz der Ausstattung im Büro. Das ist nicht dem Gerät anzulasten, sondern der geringen Datenbandbreite von GSM.

Zurück zum Handy: Als reiner Sprechapparat gleicht der Communicator dem Nokia 6110 und dem hier unlängst vorgestellten 6150 aufs Haar. Die drei Geräte haben eine nahezu identische Menüführung mit Piktogrammen sowie eine verkrüppelte Infrarot-Schnittstelle, und sie filtern Anrufer oder lassen sich mit Profilen an unterschiedliche Situationen anpassen. Wie seine kleinen Brüder hat auch der 9110 recht ordentliche Sende- und Empfangseigenschaften sowie eine gute Akustik. Der Lithium-Ionen-Akku mit 1100 Milliamperestunden hält eine Woche durch – wenn man weder den Organizer noch die E-Mail oder das Internet nutzt. Diese Anwendungen sind nämlich äußerst stromfressend und verkürzen die Bereitschaftszeit drastisch. Ein witziges Detail ist die Freisprecheinrichtung bei aufgeklapptem Gerät. Sie funktioniert durchaus anständig und gestattet das Blättern in Adressen und Terminen während des Telefonats. Alles in allem ist der neue Communicator ein faszinierendes Stück Technik und zeigt eine Zukunft, die gerade erst beginnt. Der Internet-Zugang für unterwegs wird sich durchsetzen. Nur schneller muß er noch werden. (F.A.Z. vom 09.03.99)

3 Antworten auf „Die guten alten Zeiten von Nokia: Mein Test des Nokia Communicator 9110 im Jahr 1999“

  1. Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund für Nokia den Kopf in den Sand zu stecken. Soweit wie die letzten 2 Jahre, wo Anfragen an die Nokia Vertriebsmannschaft bei T-Mobile oder Vodafone mit 2 monatiger Verzögerung bearbeitet werden sollten sie es allerdings nie wieder kommen lassen. Was die Hallen in Finnland verlassen hat ist meilenweit von dem entfernt was wir hier lesen. Das Nokia E51 ist wohl die letzte Speerspitze gewesen, reine Telefone sind aber nicht mehr gefragt. Applaus denen die die Entwicklung so grossartig begleitet und in Worte gefasst haben wie Sie.

  2. Ja, das E51 war ein Meilenstein von Nokia. Ich habe bis heute eins im Einsatz, und trotz permanent eingeschaltetem Bluetooth und W-Lan hält der Akku fast eine Woche durch. Allerdings zeigten sich schon damals die ersten Qualitätsprobleme: Staub kam schneller hinters Display als man guckten konnte. Auch das E71 litt darunter.

  3. Der Nokia 9110 war mein erstes Diensttelefon. bei Nokia. Von daher musste ich jetzt einfach den Post kommentieren. Damals musste ich allerdings noch ein „Zweithandy“ nutzen, da der Communicator nach Feierabend doch recht sperrig in der Hosentasche war.

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