Internet im Auto: Geradewegs in die Sackgasse

Das Auto bekommt einen Internetzugang. Die Anzeige des Navi-Systems muss dafür herhalten. Ein Konzept, das im praktischen Einsatz kein bisschen überzeugt.

Das Internet kommt ins Auto. Diese leicht dahingeworfene Bemerkung hört sich zunächst nach einer Selbstverständlichkeit an: Natürlich kommt das Internet ins Auto, schließlich hat es auch den Weg auf unsere Handys, in die Spielekonsolen und in alle nur denkbaren Gerätschaften des Haushalts geschafft. Warum also nicht auch ins Auto? Experten wissen: Das Internet ist längst in den Fahrzeugen der gehobenen Mittel- und Oberklasse angekommen, es holt sich dort Verkehrsinformationen aus Rechenzentren ab, es ist das Transportmedium für Telematikdienste aller Art, und es überträgt den geographischen Standort des Fahrzeugs bei einem Unfall automatisch an die Rettungszentrale. Das ist mit der Floskel „Internet im Auto“ aber nicht gemeint. Es geht vielmehr um das Surfen im Netz, um den Abruf aktueller Nachrichten und E-Mails, einen Blick auf die Web-Präsenz der Musikgruppe, die man gerade im Radio hört – und natürlich um Recherchen rund ums Reisen.

Je jünger der Fahrer, desto wahrscheinlicher ist er „online“. Im Auto ist selbstredend sein Smartphone eingeschaltet, er wirft nebenbei einen Blick auf die E-Mail, bekommt aktuelle Meldungen aus Facebook oder Twitter angezeigt. Was sich bislang auf dem Taschencomputer abspielt, soll nun in die Elektronik des Fahrzeugs integriert werden. Nichts einfacher als das, scheinen die Entwickler mancher Automobilhersteller zu denken – und setzen das Internet eins zu eins fürs Fahrzeug um: Man nehme den Monitor des Navi-Systems, ergänze die Software um einen WWW-Browser, und als Maus-Ersatz soll der Controller dienen, also der Drehsteller, mit dem man üblicherweise Ort und Straße des Navigationsziels erfasst.

Alles, was wir bislang gesehen haben, überzeugt jedoch in der praktischen Erprobung nicht. Man kann zunächst das alte Argument vorbringen, dass das Auto zur Fortbewegung von A nach B dient, dass ohnehin viel zu viel ablenkender Schnickschnack an Bord ist, dass sich der Fahrer tunlichst dem Geschehen auf der Straße widmen sollte und mancher Autohersteller gut beraten wäre, zunächst die mechanischen Eigenschaften seiner Vehikel in den Blick zu nehmen.

WWW: Internetzugang im aktuellen 7er BMW, Baujahr 2009 (Foto Spehr)

Das alles ist richtig und zudem zeigen die bislang eingeschlagenen Wege nicht die Zukunft des Internet im Fahrzeug. Sie führen vielmehr in die Irre, sie sind eine Leistungsschau des technisch Möglichen und Produkte für den Verkaufsraum, aber keine Lösungen der Vernunft. Mit hohem Aufwand wird geringer Nutzwert produziert. Das beginnt mit dem Navi-Bildschirm, der in der Regel zwar hinreichend breit, aber nicht hoch genug ist. Selbst der aktuelle 7er BMW bringt es mit seiner prachtvollen Anzeige auf nur 1280 × 480 Pixel. Man muss ständig „scrollen“ und für kleinere Schriften den Zoom bemühen. Dann die Eingabe einer WWW-Adresse: Mit dem Drehsteller eine Tortur ohnegleichen, selbst für ein simples „faz.net“ benötigt man länger als eine Minute. Bei einer schlichten Google-Suche der Art „Veranstaltungen im Rhein-Main-Gebiet am Wochenende“ dreht und drückt man gefühlte Ewigkeiten. Und was ist mit der Spracherkennung? Kein Hersteller traut sich, mehr zu implementieren als das, was über die typischen Navi- und Telefon-Kommandos hinausgeht. Also Fehlanzeige. Ferner die Darstellung der Inhalte auf dem Monitor: Die gängigen Browser in den Limousinen der Oberklasse bieten nur ein sehr rudimentäres Surfvergnügen, komplizierte Seiten werden nur selten fehlerfrei aufgebaut, schon Java-Script funktioniert in der Regel nicht, von Flash und anderen Erweiterungen gar nicht zu reden.

Mit diesem ersten Anlauf ist das Internet im Auto gescheitert. Das haben zum Glück etliche Unternehmen bereits begriffen. Audi beispielsweise setzt auf ein Touchpad mit Handschrifterkennung zur Texteingabe. Man malt mit dem Finger einen Buchstaben nach dem anderen auf einer berührungsempfindlichen Fläche, und das funktioniert sehr ordentlich. Man muss zudem nicht einmal den Blick von der Straße nehmen. Gestartet wird dann eine Google-Suche. Die Treffer lassen sich sofort in die Routenführung übernehmen, angezeigte Telefonnummern können aus der Liste der Fundstellen heraus angerufen werden. Der Nachteil hier: Man sieht keine ganzen WWW-Seiten. Aber dieses System ist auch während der Fahrt sinnvoll einsetzbar. Generell müssten die Hersteller mit der Frage beginnen, welche Informationen der Autofahrer wann erhalten soll und wie man diese so aufbereitet, dass die Ablenkung vom Verkehrsgeschehen minimal ist. Je länger man über diese Problematik nachdenkt, um so abstruser erscheint die ursprüngliche Idee, das Surferlebnis am PC auf den Navi-Bildschirm zu übertragen. Man will unterwegs nicht über jede neue E-Mail informiert werden, man will nicht jede aktuelle Schlagzeile auf einer Nachrichtenseite lesen. Die Filterung und selektive Aufbereitung von Informationen ist das Schlagwort für einen sinnvolleren mobilen Interneteinsatz.

Dazu müsste der Nutzer ein Ensemble jener Inhalte zusammenstellen können, die ihn im Auto interessieren und begleiten sollen. Beispielsweise könnte man RSS-Feeds abonnieren. Das sind jene Schlagzeilen, die alle Nachrichtenseiten in kompakter Form zum Lesen mit einer RSS-Software anbieten. Dergleichen gibt es schon, etwa bei Audi und BMW. Noch fehlt bei den führenden Herstellern eine gelungene Integration der E-Mail. Auch hier gilt: Nicht auf alles hinweisen, sondern dem Kunden Filter und Regeln anbieten. Wichtige neue Post könnte mit einer synthetischen Stimme vorgelesen werden, und man antwortet vielleicht mit einem kurzen Diktat, Stichwort: Spracherkennung. Auch die sozialen Netzwerke und Twitter bieten hinreichend viele Möglichkeiten der Individualisierung und Personalisierung von Informationen. Vermutlich benötigt man ganz neue Darstellungsformen, man denke etwa an Tag-Wolken aus Schlüsselbegriffen oder Head-up-Displays. Kluge Köpfe und pfiffige Ideen sind also gefragt, sonst wird das nichts mit dem Internet im Auto.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.