Als vor gut einem Jahr das erste iPad auf den Markt kam, waren wir alles andere als begeistert. Die meisten Journalisten sangen zusammen mit dem Hersteller Apple ein Loblied, wonach das iPad geradezu ein Paradigma für die nächste Generation besonders einfach zu bedienender PCs sei. Das konnten wir nicht nachvollziehen und sahen in ihm eine Maschine für den passiven Konsumenten – oder für die besonders schönen Sonnentage des unverbindlichen Dahinsurfens im Netz. Das aktive Arbeiten mit Inhalten war damals kaum möglich, das Arrangieren von Daten eine Qual, und wir kritisierten vor allem das dem Nutzer nicht zugängliche Dateisystem. An diesem Punkt hat sich nichts geändert, auch mit dem iPad 2 bleiben Inhalte an die “Apps” gebunden, sie müssen mit iTunes synchronisiert werden, und dass der Tablet PC aus Cupertino sich nur dann in Betrieb nehmen lässt, wenn er mit einem Kabel an einen “richtigen” PC angeschlossen wird, ist geradezu das i-Tüpfelchen einer langen Liste der Gängelungen und Einschränkungen.
Anfangs haben wir das iPad so gut wie nie genutzt. Aber in den vergangenen Monaten hat sich vor allem bei den Apps so viel getan, dass es mittlerweile oft zum Einsatz kommt. Aus dem Lesegerät wird ein Arbeitsinstrument, und für diese Entwicklung ist nicht Apple verantwortlich. Vielmehr sind es pfiffige Programmierer, die mit etlichen Kniffen die gegebenen Restriktionen umgehen. Am spektakulärsten ist die Dropbox, der Datenspeicher in der Cloud, der in seiner kleinsten Variante (mit 2 Gigabyte Speicherplatz) sogar gratis zu haben ist. Die Dropbox ersetzt quasi den USB-Stick, man spielt die Software auf seine PCs (Windows, Mac, Linux), und was an einem Rechner in der Box abgelegt wird, steht fortan auf allen anderen PCs ebenfalls zur Verfügung. Die Synchronisation erfolgt selbsttätig und im Hintergrund, und auf dem Smartphone (iPhone, Android) kann man ebenfalls auf seine Inhalte zugreifen.
Dieser Alleskönner unter den Cloud-Speichern stellt auf dem iPad flink den Kontakt zu den eigenen privaten Daten her, und zwar ohne iTunes-Synchronisation. Die PDF- oder Word-Datei, die man morgens am Rechner in die Dropbox schiebt, steht automatisch mittags auf dem iPad zur Verfügung, eine Internetverbindung vorausgesetzt. Alle gängigen Dateiformate zeigt die iPad-Dropbox in einem großen Vorschau-Fenster an.
Die nächste Raffinesse dieses Cloud-Speichers ist die Zusammenarbeit mit iPad-Apps, um Inhalte auch zu bearbeiten. Bei der iPad-Textverarbeitung gilt zwar Apples überaus hübsches Pages als Maß aller Dinge. Aber diese App aus der iWork-Familie arbeitet nicht uneingeschränkt mit der Dropbox zusammen. Zum Glück gibt es starke Alternativen: Office 2 HD für 6 Euro bietet eine Textverarbeitung und eine Tabellenkalkulation mit Word- und Excel-Kompatibilität. Zugegeben: Die App reicht nicht ansatzweise an den Komfort, die Ausstattung und die hübsche Optik des Apple-Pendants heran. Was man auf dem Bildschirm sieht, ist schlicht gehalten – aber funktional.
Der Pluspunkt von Office 2 HD ist vielmehr die geschickte Datensynchronisation mit dem PC oder Mac. Zum einen lässt sich per Wireless-Lan auf die von Office 2 HD verwalteten Dateien zugreifen. Im Datei-Explorer gibt man einfach eine http-Adresse ein, schon kann man seine Dokumente zwischen beiden Geräten drahtlos kopieren. Zum anderen erlaubt die Software eine nahezu perfekte Dropbox-Anbindung, und nicht nur das. Unterstützt werden auch weitere Cloud-Speicher wie Googe Docs, die iDisk und Mobile Me von Apple, My Disk, icloud, box.net sowie WebDAV-Speicher, wie ihn etwa T-Online oder GMX anbieten. Der jeweilige Dienst muss nur einmal eingerichtet werden und steht anschließend wie ein Laufwerk zur Verfügung. Man kann Ordner anlegen, vom Cloud-Speicher aufs iPad kopieren – oder direkt auf dem externen Speicher arbeiten.
Mit Dropbox und Office 2 HD im Zusammenspiel wird aus dem iPad eine kleine ordentliche Arbeitsmaschine für Texte und Tabellen. Wer viel selbst erfasst und flink mit zehn Fingern schreibt, wird sich allerdings an der virtuellen Bildschirmtastatur stören. Sie erlaubt nicht annähernd das Schreibtempo einer mechanischen Tastatur. Die Abhilfe sind Bluetooth-Tastaturen, die es in allen nur denkbaren Größen gibt, teils auch zum Zusammenfalten für den mobilen Einsatz. Damit wird auch die E-Mail-Bearbeitung, die das iPad von Hause aus und sehr ordentlich erlaubt, deutlich einfacher.
Geht es um mehr als nur das Schreiben und Rechnen, erweisen sich weitere Apps als überaus nützliche iPad-Begleiter. Für alle Twitter-Freunde stehen mittlerweile etliche Programme zur Verfügung, die über die Original-Software von Twitter weit hinausgehen. Hootsuite und Tweetdeck leugnen ihre Verwandtschaft zu den “großen” PC-Versionen nicht und bieten vor allem mehr Übersicht im Nachrichtenstrom durch die Verwendung von Listen und die Spaltendarstellung. Osfoora HD und Tweetings sind ebenfalls einen Blick wert. Weniger zufrieden sind wir derzeit mit den Facebook-Apps. Hier dominieren “My Pad +” und Friendly, beide haben aber der Facebook-Seite im Safari-Browser des iPad nicht viel voraus.
Spektakulär wiederum sind zwei Programme, die wir täglich einsetzen. Der Reeder von Silvio Rizzi ist ein Leseprogramm für RSS-Feeds, die man mit dem Google Reader verwaltet. Zur Erklärung: RSS stellt quasi die Überschriften und Anreißer von Nachrichtenseiten parat, und wer sich fortwährend durch das Dickicht Hunderter von WWW-Seiten schlägt, kommt mit RSS deutlich schneller voran. Der Google Reader bündelt die Angebote und erlaubt es, Lesenswertes zu markieren – und mit anderen zu teilen. Der Reeder zeigt nun, dass Entwickler von iPad-Software am besten alle gängigen Konventionen über Bord werfen. Nur mit einem radikalen Neuanfang und pfiffigen Ideen inklusive Fingerbedienung gelingt ein großer Wurf. Herkömmliche RSS-Leser verwenden eine Listendarstellung, Reeder hingegen ordnet die einzelnen Kanäle als briefmarkengroße Schaltflächen an. Ordner wiederum sind wie ein Stapel besagter Schaltflächen symbolisiert, und wenn man mit einer spreizenden Fingerbewegung darüber fährt, öffnen sich die darunter liegenden Inhalte. Konventionell ist Reeder bestenfalls in der Anordnung von Nachrichtenübersicht links und den Inhalten rechts auf dem Bildschirm. Alle wichtigen Funktionen lassen sich schnell mit dem Finger aufrufen, man kann einzelne Beiträge markieren, weiterleiten oder mit anderen teilen (etwa über Twitter). Optisch hält sich diese App dezent im Hintergrund, man sieht viel von den Inhalten, und insgesamt ergibt sich damit ein ganz neues Leseerlebnis für RSS.
Eine zweite App fürs iPad-Lesen speist ihr Funktionsprinzip aus der Erfahrung, dass man tagsüber im Netz zwar viel Interessantes sieht, aber nicht die Zeit und Muße für die Lektüre hat. Hier setzt Instapaper an: Man markiert im Browser (des PC oder iPad) oder in anderen Programmen (Reeder, Hotsuite) einen wichtigen Artikel, der anschließend nach einem einzigen Knopfdruck in einer besonders lesefreundlichen Version gespeichert wird – und an jedem Rechner und mit der gleichnamigen iPad App wie ein E-Book gelesen werden kann. Abends auf dem Balkon kann man dann in aller Ruhe und hübsch aufbereitet das konsumieren, was sich tagsüber angesammelt hat. Die App “Read it later” arbeitet übrigens ganz ähnlich.












