Test: Dragon Dictate 2 von Nuance für Mac OS X

Spracherkennung auf dem Mac war bislang ein leidiges Thema. Als Pionier in diesem Bereich galt seit 1996 der amerikanische Hersteller MacSpeech mit seinem iListen, das indes in Deutschland keine große Verbreitung fand. Vor gut einem Jahr kam der Nachfolger MacSpeech Dictate in deutscher Sprache auf den Markt, und nun war immerhin der Spracherkennungsalgorithmus des Marktführers Nuance eingebaut. Nuance ist der Hersteller von Dragon NaturallySpeaking, das nur unter Windows läuft und als Maß aller Dinge bei der Spracherkennung gilt.

MacSpeech Dictate brachte zwar nach dieser „Herztransplantation“ eine hervorragende Erkennung mit, war aber hinsichtlich Bedienung und Korrektur (die für eine Verbesserung der Erkennungsleistung unabdingbar ist) umständlich und kompliziert. Nun hat Nuance den amerikanischen Rivalen aufgekauft und vertreibt seit Anfang des Jahres ein Dragon Dictate 2.0 für den Mac. Wer nach dieser Übernahme damit rechnete, endlich ein vollwertiges Dragon-System wie am Windows-PC zu erhalten, wird enttäuscht. Die neue Version trägt schwer an ihren Altlasten, und Nuance hat sich leider nicht dazu entscheiden können, diese ein- und für allemal über Bord zu werfen.

Schneller Helfer: Dragon Dictate 2 für den Mac (Foto Spehr)

Bleiben wir bei den Minuspunkten: Was man für rund 150 bis 200 Euro (etwa bei Amazon) erhält, ist nicht einmal ansatzweise für das Diktieren in Standard-Programme geeignet. Wir probierten zunächst Word 2011 von Microsoft und erhielten schon bei den ersten Korrekturen ein Chaos auf dem Bildschirm: Die gesamte Formatierung wird durcheinander gewürfelt, Korrekturen landen nicht an der Ursprungsstelle, sondern werden an scheinbar beliebigen Stellen in die Sätze eingebaut, wobei dadaistische Sprachspiele entstehen. Das alles ist wie beim Vorgänger schlichtweg Murks. Im zweiten Anlauf diktierten wir eine längere E-Mail mit Googlemail im Browser-Fenster. Auch hier stellte sich bald ein ähnliches Wirrwarr ein, und neue Fehler kamen hinzu: So wurde etwa die richtig dargestellte Schreibweise des Korrektur-Fensters trotz eindeutig erkannter Befehle nicht eins zu eins an den Browser übergeben und „Geisterzeichen“ mischten sich in den Text.

Das Handbuch beschreibt sogar diese Probleme in einem langen Kapitel („Der Cache und die Goldene Regel“), aber selbst nach mehrfacher Lektüre versteht man die Hinweise nicht. Wer das programmiert und beschrieben hat, lebt in einer anderen Welt. Für die Zusammenarbeit mit und die Arbeit in Mac-Programmen taugt Dragon Dictate 2 keinen Schuss Pulver, es ist in dieser Hinsicht unbrauchbar, das Urteil kann nur „ungenügend“ lauten.

Aber zum Glück gibt es, wie in der Windows-Version, ein Diktierfenster, bei dem diese Malaisen nicht auftreten. Man diktiert also in einen kleinen Editor und überträgt den fertigen Text mit „Copy & Paste“ in das jeweilige Programmfenster. Wenn man mit diesem Umweg leben kann und vor dem Diktat penibel darauf achtet, dass das Diktierfenster aktiv ist (ein weiterer Fehler, der blinkende Cursor im richtigen Fenster reicht nicht aus), wird man mit Dragon Dictate 2 zufrieden sein. Große Teile dieses Artikels wurden mit dem beiliegenden kabelgebundenen Plantronics-Headset am Mac diktiert, und die Erkennungsrate ist so hoch wie bei der Version 11 von Dragon Naturally Speaking.

Wie bei Windows gilt auch hier: Berücksichtigt man, dass eine Spracherkennung nur jene Begriffe fehlerfrei umsetzen kann, die in ihrem Vokabular gespeichert sind, hängt die Beurteilung der Erkennungsrate von den Texten und den Inhalten ab. Eine prägnante Zusammenfassung der Art „98 Prozent Genauigkeit“ ist also unsinnig. Ein Arzt, Anwalt oder Gutachter, der für seine Diktate ein begrenztes Fachvokabular verwendet, erreicht spielend 99 Prozent und mehr. Ein Dragon-Nutzer mit einem reichhaltigen und ungewohnten Vokabular, sagen wir ein Schriftsteller oder Journalist, wird eher bei 97 Prozent liegen. Er wird vermutlich eigene Ad-hoc-Begriffe (wie diesen hier) verwenden und vielleicht nur einmal und dann nie wieder. Aus diesem Blickwinkel ist Dragon Dictate 2 großartig. Das Korrekturverfahren im Diktierfenster ist zwar ein anderes als am Windows-PC, umständlicher zudem, aber man gewöhnt sich daran. Wer als privater Mac-Nutzer mit einer Spracherkennung liebäugelt, macht nichts verkehrt, und der Einsteiger wird erstaunt sein, wie gut die Technik mittlerweile arbeitet. Dass man auch das Mac-Betriebssystem mit Dictate 2 steuern kann, sei nur am Rande erwähnt.

Doch wie sieht bei den Profis aus, etwa den Ärzten und Anwälten? Hier würden wir  entschieden von der Mac-Variante abraten. Nicht nur aus den oben genannten Gründen, sondern auch, weil das gesamte „Drumherum“ des professionellen Diktierens fehlt. Es ist mit Dragon Dictate 2 nicht möglich, Audioaufnahmen von Diktiergeräten umzusetzen. Dafür soll demnächst ein eigenständiges Transkriptionsmodul erhältlich sein. Nur bleibt die Frage offen, ob auch DSS-Pro-Dateien (von professionellen Diktiergeräten) und MP3-Aufzeichnungen transkribiert werden. Das ältere und in den Vereinigten Staaten erhältliche MacSpeech Scribe muss hier nämlich passen.

Ferner gibt es unseres Wissens noch keine Spezialvokabulare für einzelne Berufsgruppen. Schließlich ist auch das „Feintuning“ des mitgelieferten Vokabulars nur sehr begrenzt möglich. Das betrifft beispielsweise die Anpassung an bestimmte Schreibweisen oder die Verwendung von Abkürzungen. In dieser Hinsicht ist die Windows-Version weitaus flexibler und leistungsfähiger. Nicht zuletzt stört auch die bescheidene Auswahl bei den Eingabegeräten. Neben kabelgebundenen Headsets gibt es Dragon Dictate 2 in einer Wireless-Variante mit dem Plantronics Calisto, das mit Bluetooth arbeitet. Aber es fehlt jedwede Unterstützung für hochwertige Handmikrophone, die am Windows-PC eine individuelle Tastenbelegung mit häufig benötigten Dragon-Kommandos erlauben. Und zu diesem „Ökosystem“, das sich rund um Dragon Naturally Speaking entwickelt hat, gehören nicht zuletzt etliche nützliche Zusatzprogramme.

Nach mehrwöchiger Erprobung hat sich Dragon Dictate 2 auf unserem Mac durchaus bewährt: Schnell eine E-Mail oder die Rohfassung eines Artikels diktieren, das funktioniert ungeachtet der erwähnten Einschränkungen prima. Aber für den intensiven Einsatz bleibt das Windows-System die erste Wahl.

 

11 Antworten auf „Test: Dragon Dictate 2 von Nuance für Mac OS X“

  1. Ich bedanke mich auch für den Text. Mittlerweile ist ja Version 2.5 aktuell und ich bin jetzt unsicher, ob die neue Version als Diktiersoftware geeigneter ist. Denn genau das wäre mein gewünschter Einsatzzweck. Die Steuerung meines Mac oder der Programme per Sprache finde ich eher befremdlich. 🙂
    Aber eigentlich ist die Kaufentscheidung ja schon gefallen. Und derzeit 139€ ist eigentlich einfairer Preis.
    Gruß, Max

  2. Ich kann den Test nur bestätigen. An anderer Stelle im Internet wird Dragon Dictate als Alptraum (nightmare) bezeichnet; sogar auf Support-Seiten von Nuance selbst.

    Ich komme von der PC-Welt und kenne und nutze dort Dragon Naturally Speaking. Seit der Version 9.0 gut brauchbar, seit 11.0 hervorragend. Ganze wissenschaftliche Arbeiten konnte ich damit diktieren. Das „Frontend“ ist einfach und intuitiv. Es ist auch nicht verboten, schnell mit der Maus ein falsch erkanntes Wort zu markieren und mit der SW zu korrigieren. Oder mit Hilfe der Maus den Cursor an eine neue Position im Text schnell zu setzen und dort eine Ergänzung per Diktat einzufügen. Auch ist die Erkennung von Steuerbefehlen sicher.

    All das trifft auf Dragon Dictate nicht zu! Wehe, man benutzt die Maus; ein Chaos im Text entsteht. Falsche Text-Positionen sind sicher; halb überschriebene ursprüngliche Textpassagen. Selbst die einfachsten Befehle zur Steuerung werden häufiger in Text umgewandelt als als Befehle ausgeführt.

    Der Support konnte nicht helfen. Wie auch? Er erkannte das Problem als generell an und leitete es an die Entwicklungsabteilung weiter.

    Inzwischen wird die Version 3.0 von Nuance angeboten. Das gleiche Desaster.
    Der Support unternahm gar nicht erst Versuche, das Problem zu beseitigen. Wie auch? Er bot sofort die Kaufpreiserstattung an. Davon habe ich Gebrauch gemacht.

    Wer einmal Dragon Naturally Speaking (PC) kennen gelernt hat, kann sich nicht mit Dragon Dictate (Mac) anfreunden: Dragon Dictate ist ein Alptraum (nightmare).

  3. Ich danke für die klaren Aussagen.
    Ich frage zusätzlich – mit welcher Version kann ich
    mit der o.a. software
    NUANCE DRAGON DICTATE, Sprecherkennung für MAC OS X auch Texte in Indesign Vorlagen „einsprechen“ also einfügen ??
    Danke für Ihre Hilfe.

    Im Augenblick sehe ich nur den Umweg über die Erstellung einer reinen Textdatei mit dem PC Windows und word und ein anschließendes Implantieren per Stick in Indesign beim Mac?.

    1. Ich weiß nicht, ob es noch relevant ist. Ich behelfe mir so – auch wenn es eine Krücke ist -:
      Auf meinem MacBook habe ich eine VM (virtuelle Maschine) mit Win XP. In dieser VM habe ich Dragon Naturally Speaking 12.0 installiert.
      Dort diktiere ich längere Texte entweder in das Diktierfenster von DNS 12 oder eine Textverarbeitung wie WordPad oder Word. Dann übertrage ich den diktierten und korrigierten Text per copy aus der Win-Umgebung und paste in die Mac OS X Umgebung. Die Formatierung übernehme ich dann in der Zielumgebung/-anwendung.
      Das sollte auch mit InDesign funktionieren; es geht jedenfalls mit z. B. allen Office-Programmen von MS für Mac genauso wie auch mit Adobe Acrobat Professional.
      Die VM erspart den zweiten (Win-OS) Rechner / USB-Sick zur Übertragung.
      Wie gesagt, ist eine Krücke…
      Leider ist ein Übertragen aus dem Diktierfenster von DNS 12 direkt in eine Mac-Anwendung, geschweige denn ein direktes Diktat dorthin nicht möglich – oder ich habe einfach den Weg nicht gefunden.

  4. Die Updates zu der Version 3.0, aktuell 3.0.2, lösen keines der Probleme. DD 3.0 bleibt ein Alptraum.
    Der Support von Nuance äußerte sich eben nicht zu einem Update oder Upgrade.
    Wissen Sie, ob und wann die von Ihnen erwähnte Version 3.5 kommt?

  5. Inzwischen ist die Version 6 herausgekommen. Ich habe jede Version seit der Version 2 getestet. Ich habe bei jeder Version ausführlich Kontakt mit Nuance (Verkauf und Support) gehabt.

    ES HAT SICH NICHTS GEÄNDERT. Dragon Dictate ist nach wie vor ein Alptraum. Anders als bei Dragon Naturally Speaking, der Windows Version von Nuance, ist die Nutzerschnittstelle unbrauchbar. Für lange Texte ist eine Cursor-Steuerung per Sprachbefehle nicht machbar. Mit ‚lange Texte‘ meine ich mehrseitige Texte; bei mir: wissenschaftliche Arbeiten etc. Und eine Cursor-Steuerung per Maus bringt absolutes Chaos in den Text. Abgesehen davon: Diktierte Befehle werden immer noch überwiegend als Text-Diakate interpretiert.

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