Test: HTC Flyer

Jetzt geht es Schlag auf Schlag: Nach dem neuen Tablet-PC mit dem Android-Betriebssystem Honeycomb buhlen weitere Flachcomputer um die Gunst der geneigten Kundschaft. Die Tablets sind derzeit ein Verkaufsschlager, das iPad macht es vor. HTC schickt seinen Flyer ins Rennen, ein Gerät, das bereits im Februar präsentiert wurde und nun mit 32 Gigabyte Speicher (erweiterbar durch Micro-SD-Karten) für 500 und 680 Euro im Handel ist. Die teurere Variante bringt ein Mobilfunk-Modul mit, die günstigere verzichtet darauf, nutzt also allein Wireless Lan für den Zugang zum Internet.

Der kleine Tablet PC: HTC Flyer (Foto Hersteller)

Das Konzept des Flyer wirft Gewohntes gründlich durcheinander. Der Androide verwendet das Smartphone-Betriebssystem (2.3.3) und nicht die Tablet-Variante. Er hat zudem den HTC-Aufsatz-Sense, der aber wiederum in einigen Modulen an den Bildschirm von Tablets angepasst ist. Die größte Überraschung ist die Stiftbedienung, allerdings nicht durchgängig, sondern nur für einige Programme. Auch die Bauform weicht von den üblichen Standards ab. Das Gerät misst 19,6 × 12,2 × 1,4 Zentimeter und wiegt lediglich 420 Gramm. Von der Größe her ist es also deutlich kleiner als ein iPad oder eine Honeycomb-Maschine, auch die Bildschirmdiagonale beträgt nur 17,8 statt der üblichen 25 Zentimeter.

Übergroßes Smartphone oder Mini-Tablet?

Man kann den Flyer demnach als übergroßes Smartphone oder Mini-Tablet bezeichnen. Die Display-Auflösung von 1024 × 600 Pixel liegt ebenfalls genau zwischen den beiden rivalisierenden Gerätegattungen, also ein interessantes Produkt. Hardware und Verarbeitungsqualität überzeugen. Die Rückseite besteht aus einer umschließenden Aluminiumhülle, unten und oben sitzen allerdings zwei Plastikkappen. Die obere lässt sich mit viel Kraftaufwand abnehmen und verbirgt den Speicher- und Sim-Karten-Leser. Die untere enthält einen Micro-USB-Anschluss in ungewöhnlicher Bauform, hier lässt sich nämlich auch ein Videokabel einstecken.

Obwohl der Flyer etwas dick wirkt, liegt er gut in der Hand, das Display ist draußen selbst bei hellem Sonnenschein ordentlich ablesbar, zwei Kameras mit 5 und 1,3 Megapixel sind eingebaut, und der Prozessor ist ein flinker Snapdragon von Qualcomm mit 1,5 Gigahertz. Die beiden Stereo-Lautsprecher bieten guten Klang, und als raffiniertes Detail darf der Nachrichtenalarm mit einer LED-Leuchte im Ein- und Ausschalter gelten. Der Flyer lässt sich im Hoch- und Querformat betreiben, die Anzeige und die darunterliegenden Menü-Sensorschaltflächen drehen sich automatisch mit. Allerdings nur in eine Richtung, nach links, im Kopfstand ist das Gerät nicht zu bedienen.

Nach dem Einschalten zeigt sich der Flyer wie ein typisches HTC-Smartphone in Übergröße. Wie beim HTC Sensation kommt die neueste Version von Sense zum Einsatz, die beispielsweise „Kurzeinstellungen“ in der oberen Menüleiste bietet und in der Liste der Apps einen schnellen Zugriff auf die oft gestarteten und selbst installierten. Ein Extra des aktuellen Sense ist auch hier zu sehen: Der Schnellzugriff auf Apps der Wahl vom Sperrbildschirm aus. Man schiebt einfach das entsprechende Icon in den virtuellen Sicherungsring, und schon startet die Anwendung. Wie bei den Smartphones gilt: Sense mit seinen aufwendigen, teils dreidimensionalen Animationen nimmt etliche Systemressourcen in Anspruch, namentlich Speicher und Rechenleistung. Mit „Android pur“ wäre das Gerät deutlich schneller.

Vier Android-Programme profitieren besonders von der höheren Bildschirmauflösung des Flyer: Der Sense-Kalender zeigt im Hochformat eine Zwei-Monats-Übersicht und im Querformat die Übersicht links und Details rechts. Ohne Zweifel ein Gewinn, aber auch hier ist festzuhalten: Der Originalkalender von Android ist besser und liefert beispielsweise in der Wochenansicht deutlich mehr Informationen. Ähnlich die Galerie, die unter Sense „Alben“ heißt, sowie die Adressverwaltung: Der zweigeteilte Bildschirm überzeugt. Am besten gefällt jedoch der Browser, der ein flinkes Umschalten zwischen verschiedenen Fenstern erlaubt. Die entsprechenden „Tabs“ zeigen sich am oberen Bildschirmrand in einer Miniaturansicht, und dank der im Vergleich zum Smartphone höheren Display-Auflösung sieht man mehr. Googlemail muss leider auf den schönen Luxus einer geteilten Darstellung verzichten. Wie es besser geht, zeigt Honeycomb auf den Android-Tablets. Und wie Googlemail werden alle anderen Android-Apps für die Bildschirmauflösung des Flyer hochskaliert. Schick ist etwas anderes, aber es funktioniert.

Unterschiede zu einem Smartphone entdeckt man auf den zweiten Blick. So kann man mit dem Flyer zwar SMS senden und empfangen, aber nicht telefonieren. Videotelefonie mit Google Talk läuft erst von Android 2.3.4 an, hier muss man also zusätzliche Apps bemühen. Ganz neue Flyer-Apps sollen einen Mehrwert bringen, etwa HTC Watch zum Ausleihen von Online-Videos. Noch sind dort allerdings nur acht Trailer zu sehen.

 

Schnell markiert: Dank Stift gelingen solche Anmerkungen

Mit dem Stift auf dem Display kritzeln

Das feine Extra des Flyer ist die Stiftbedienung. Der batteriebetriebene Magic Pen (im Lieferumfang, sonst 50 Euro) wird mit einer eigenen Sensortaste am unteren Bildschirmrand aktiviert. Er arbeitet in zwei Modi: Zum einen kann man in allen Apps „kritzeln“, also auf dem Bildschirm malen. Ein Screenshot mit dem jeweils angezeigten Hintergrund lässt sich als Notiz speichern, mit einer zusätzlichen Tonaufnahme versehen und verschicken. Oder man wählt gleich die Notiz-App und versucht sich auf einem leeren Bildschirm im kreativen Zeichnen. In einem Menü lassen sich verschiedene Stiftformen und -stärken auswählen, vom Zeichenstift über den Malpinsel und den Füllfederhalter ist alles dabei, selbstredend verschiedene Farben. Mit Betätigen einer Taste am Stift wird selbiger zum Radiergummi, das alles ist fein gemacht und mag manchen Künstler begeistern.

Geht es allerdings darum, diese Kombination aus Tablet und Stift für handschriftliche Notizen einzusetzen, zeigen sich schnell Grenzen. Die Bildschirmauflösung ist schlichtweg zu gering, und die notgedrungen auf der Anzeige aufliegende Hand löst immer wieder unbeabsichtigt irgendwelche Aktionen aus. Selbst wenn man sich bemüht, in kleiner Schrift einen Bildschirm zu füllen, passt gerade mal ein Absatz auf eine Seite. Im Vergleich mit anderen Techniken wie dem hier unlängst vorgestellten Smartpen von Livescribe (bei dem man auf Spezialpapier schreibt) ist der Flyer für Notizen nur eine Notlösung. Klug hingegen: Die Anbindung an den populären Notizdienst Evernote, der auch als Android- und iPhone-App läuft.

Alles in allem ist der HTC Flyer ein überzeugendes Produkt. Die Verarbeitungsqualität gefällt, und der Akku bewältigt mühelos zwei Arbeitstage. Die ungewöhnliche Größe macht seinen Reiz aus. Man erhält viel Komfort aus der Tablet-Welt und mit Ausnahme der Telefon-Funktion nahezu alles, was ein modernes Android-Smartphone kann. Für den Pendler in der Bahn mag diese Bauform attraktiver sein als ein iPad- oder Honeycomb-Modell. Von der Stiftbedienung und der Qualität der beiden Kameras sollte man sich nicht zu viel versprechen. Im Vergleich mit dem iPad ist das Gerät allerdings zu teuer.

 

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