Vom elektronischen Notizzettel bis zum iPad-Tonstudio

Das müsste man jetzt aufzeichnen können: Ein oft gehörter Stoßseufzer, wenn der Vortag in der Universität oder Volkshochschule plötzlich so spannend wird, dass man mit dem Mitschreiben nicht mehr nachkommt. Auch bei Präsentationen auf Konferenzen und Tagungen stellt sich das Problem, – von Journalisten oder Bloggern, die Interviews führen, gar nicht zu reden. Bei Aufzeichnungsgeräten hat man jedoch die Qual der Wahl: Einfache elektronische Notizbücher sind schon zu Preisen von 50 Euro im Handel, und nach oben hin gibt es scheinbar keine Grenze. Professionelle Diktiergeräte kosten um die 600 Euro, und manches Konferenzsystem ist noch teurer. Doch was eignet sich für wen? Wir haben einen Blick auf die diversen Produktgattungen geworfen.

Generalist: Tascam DR-2d (Fotos Hersteller, Spehr)

Zunächst die Technik. Einige Spielregeln der aktuellen Rekorder gelten für alle Geräte: Entscheidend für die Güte der Aufzeichnung ist an erster Stelle das Mikrofon, das bei einfacheren Modellen fest eingebaut ist und im anspruchsvollen Studiobereich nicht hochwertig genug sein kann. Profis nutzen externe Mikrofone. Aufgezeichnet wird digital, und hier sind mehrere Parameter entscheidend. Zunächst die Abtastrate und die Auflösung. Wer Musik aufnehmen will, kann sich beispielsweise an den Vorgaben der Audio-CD orientieren: 44 100 Mal in der Sekunde wird das Signal mit einer Auflösung von 16 Bit abgetastet. Geht es allein um Sprache, sind geringere Abtastraten von 22 000 oder 11 000 Hertz allemal ausreichend, zumal damit kleinere Dateigrößen einhergehen. Schließlich das Aufzeichnungsformat: Musikliebhaber mit Qualitätsansprüchen verwenden das hochwertige PCM/Wav-Format, eine Stufe darunter folgt das weit verbreitete MP3. Mit höheren Datenraten (von 256 KBit/s an) erreicht es fast das Niveau einer Audio-CD — bei deutlich geringeren Dateiumfängen. Auch hier gilt: Geht es nur um das gesprochene Wort, kann man reduzieren, etwa auf 128 KBit/s oder weniger.

DSS dampft rigoros ein

Professionelle Diktiergeräte wiederum nutzen den DSS- oder DSS-Pro-Standard mit einer rigorosen Eindampfung des Signals. Eine einminütige Aufzeichnung kommt hier mit rund 100 Kilobyte aus, während ein schlichtes MP3-Format das zehnfache und die Audio-CD bei gleicher Länge das hundertfache Volumen beansprucht. DSS eignet sich also ungeachtet der bescheidenen Qualität gut für den elektronischen Versand mit Smartphones im Mobilfunk. Und wo wird wie viel gespeichert? Einfache elektronische Notizbücher nutzen ihren internen, fest eingebauten Speicher mit einigen Gigabyte. Zugegeben, das reicht in mittelmäßiger Qualität für Hunderte von Stunden. Wechselbare Speicherkarten bieten indes nicht nur eine deutlich höhere Kapazität, sondern auch mehr Komfort bei der Nachbearbeitung am PC, beim Kopieren auf andere Geräte oder dem elektronischen Versand.

Mit Mikro-Öhrchen: Zoom H4n

Die besonders günstigen „Voicetracer“ oder „Notetaker“, die man für Preise zwischen 50 und 150 Euro erhält, sind also oft ein Kompromiss. Sie haben eine Basisausstattung für den Gelegenheitsnutzer, aber die Tücke liegt im Detail. An das meist aus Plastik bestehende Gehäuse darf man keine hohen Ansprüche stellen, auch beim eingebauten Mikrofon wird oft gespart. Wenn die Speicherkarte fehlt, ist zum Übertragen der eigenen Sound-Dateien ein Kabel erforderlich. Man achte darauf, dass es wenigstens Standard-USB-Anschlüsse an beiden Enden enthält, und ein wechselbarer Akku sollte ebenfalls im Pflichtenheft stehen. Einen großen Bogen sollte man um jene Billig-Produkte machen, die nur in proprietären Dateiformaten aufzeichnen. Solche Aufnahmen lassen sich am PC entweder gar nicht oder nur nach der Installation zusätzlicher Software wiedergeben. Bei den gehobenen Ausstattungslinien (von 120 Euro an) bekommt man bessere Materialien und feine Extras wie etwa die Option, seine Aufnahmen in verschiedenen Ordnern ablegen zu können. Auch sind gegebenenfalls zwei Mikrofone für Stereoaufzeichnungen eingebaut, und die Wiedergabe von MP3-Musik ist ebenfalls mit dabei.

Mit den Generalisten macht man nichts verkehrt

Tolle Akustik: Olympus LS-5

Wer jedoch ohnehin ein bisschen mehr Geld für ein hochwertiges Gerät ausgeben will, sollte einen Blick auf die semiprofessionellen Musikrekorder werfen. Bei einem Olympus LS-5 oder LS-11 (190 bis 300 Euro), einem Zoom H4n (350 Euro) oder Tascam DR-2d (300 Euro) spielt die Audioqualität in einer ganz anderen Liga. Das Gebotene liegt auf hohem HiFi-Niveau, und beim Gehäuse einiger Modelle darf man robustes Aluminium erwarten. Diese Generalisten bieten sehr ordentliche Mitschnitte in feiner Qualität. Zumal sich für allerhöchste Ansprüche die Abtastrate einiger Modelle auf bis zu 96 kHz erhöhen lässt. Die Unterschiede zwischen solchen Wav-Aufnahmen und dem schlichteren MP3 sind durchaus hörbar. Dazu kommen viele Extras bei der Ausstattung. Man achte auf folgende Punkte: Lässt sich der Aufnahmepegel manuell einstellen, gibt es einen Begrenzer, der vor Übersteuerungen schützt? Ist die Richtcharakteristik der Stereomikrofone einstellbar, und bietet das Gerät einen Eingang für externe Mikrofone mitsamt der erforderlichen Speisespannung? Über den Kopfhörerausgang sollte man live mithören können, was gerade im Speicher landet, und ein Low-Cut-Filter zur Dämpfung von tieffrequenten Geräuschen, etwa durch Klimaanlagen sollte ebenfalls dabei sein. Wir empfehlen ein Probehören, man achte dann auf ein eventuell vorhandenes Grundrauschen in leiser Umgebung. Nicht zuletzt ist im Lieferumfang dieser Universaltalente häufig eine ordentliche Schnitt-Software für den PC. Wer mehr als 100 Stunden aufzeichnen will, achte darauf, dass die hochwertigen SD-Speicherkarten nach den Standards SDHC und SDXC einsetzbar sind.

Profi-Apparat: Diktiergerät Olympus DS 5000

Mit diesen Geräten macht man nichts falsch. Aber sie ersetzen kein Diktiergerät. Hier geht es nämlich um die Bewährung im hektischen Stopp & Go einer diskontinuierlichen Aufzeichnung. Man spricht einige Sätze, legt eine Pause ein, „spult“ noch einmal zurück, um das Gesagte zu kontrollieren oder will einen falsch begonnenen Halbsatz „überschreiben“. Diesen anspruchsvollen Job sollte man den Spezialisten überlassen, die in der Regel mit einem Schiebeschalter das Manövrieren in der Aufzeichnung leicht machen. Zwei Top-Produkte können wir uneingeschränkt empfehlen: Das Philips DPM 9600 und das Olympus DS 5000. Beide Maschinen in der 600-Euro-Preisklasse zeichnen nur im DSS- oder DSS-Pro-Format auf, sind exzellent verarbeitet und fügen sich perfekt in eine Systemumgebung mit Spracherkennung ein. Auch als Interview-Maschine sind sie gut geeignet, wenngleich die aufs Diktat hin optimierte Mikronempfindlichkeit bei Konferenzen an Grenzen stößt.

Für Vielsprecher: Diktiergerät Philips DPM 9600

Aber dann ist ohnehin eine Koffer-Lösung angesagt, nämlich ein Konferenzsystem mit mehreren Mikrofonen, die im Raum verteilt werden, um die Beiträge aller Anwesenden zu erfassen. Das Philips Conference Recording System 955 bringt beispielsweise zwei Grenzflächenmikrofone mit, die im Format einer Unterasse Rundum-Aufnahmen mit ordentlicher Empfindlichkeit liefern sollen. Die pfiffige Idee besteht darin, dass sich in sehr großen Räumen bis zu sechs dieser Mikros in Reihe schalten lassen. Das Signal wird von einem zum nächsten weitergereicht, erst am Ende gelangt es mit einem Y-Kabel in den Rekorder. Das Kabelwirrwarr hält sich somit in Grenzen. Ein ähnliches System hat auch Olympus im Angebot, als Aufzeichner dient das LS-5 oder LS-11.

 

Livescribe: Bei Journalisten sehr geschätzt

Eine ganz andere Idee verfolgt der Smartpen des amerikanischen Unternehmens Livescribe. Dieser überdimensionierte Kugelschreiber ist bei Journalisten und Studenten sehr beliebt. Während man mit ihm schreibt, kann er gleichzeitig aufnehmen: das Geschriebene als Grafik und den Ton. Auf den akustischen Mitschnitt kann direkt zugegriffen werden: Wenn eine Notiz auf dem Papier angetippt wird, spielt der Smartpen ab, was an dieser Stelle gesprochen wurde.

Kugelschreiber-Rekorder: Echo Smartpen von Livescribe mit Spezialpapier

So genügt es, sich während Vorträgen und Gesprächen einfach Stichwörter zu notieren, um im Nachhinein noch einmal den Wortlaut der vermerkten Passage zu hören. Ohne „Spulen“ und Suche lässt sich also in der Aufnahme manövrieren. Und zudem kann man seine Papieraufzeichnung an den PC übertragen, denn die Schrift wird mit einer kleinen Infrarotkamera hinter der Schreibmine optisch erfasst. Voraussetzung für den Handschrift-Scan ist spezielles Papier, das auch zur Steuerung des Smartpen verwendet wird. Zum Aufnehmen und Abspielen genügt ein Tipp mit der Stiftspitze auf die aufgedruckten Bedienelemente. In kleinen Varianten mit 2 Gigabyte Speicherplatz ist der Smartpen von 100 Euro an zu haben. Die Akustik ist gut, allerdings hörten wir ein starkes Grundrauschen und Kratzgeräusche beim Schreiben. Die wiederum lassen sich mit einem Headset-Mikrofon vermeiden.

Die bunte Welt der Audio-Apps

Mit Nebengeräuschunterdrückung: Pure Audio Live Recorder von Andrea Electronics

Der große Vorteil dieses Kugelschreiber-Rekorders besteht darin, dass man ihn schnell zur Hand und immer dabei hat. Das gilt auch fürs Smartphone, insbesondere das iPhone 4. Viele Journalisten nutzen es als Interview-Rekorder, und wir waren verblüfft, wie gut die Akustik schon mit der eingebauten App namens Sprachmemos ist. Allerdings ist in sehr leiser Umgebung ein gewisses Grundrauschen zu vernehmen. Vorteilhaft jedoch: man kann die akustischen Notizen flink per E-Mail verschicken. Allerdings müssen Apples M4A-Dateien unter Umständen am PC ins MP3-Format umgewandelt werden. Weitere kostenpflichtige Apps zur Sprachaufzeichnung gibt es für das iPhone zuhauf. Ein zweites empfehlenswertes Programm ist der Pure Audio Live Recorder von Andrea Electronics. Seine Pluspunkte: Aufzeichnung im Wav-Format mit Abtastraten bis 44 100 Hertz, eine sehr ordentliche Nebengeräuschunterdrückung und die Option, alle Aufnahmen im W-Lan-Netz mit dem PC zu synchronisieren. Als gutes und preiswertes Zusatzmikrofon empfiehlt sich das iRig Mic, das allerdings nur mit den Apple-Produkten zusammenarbeitet. Es kostet bei Amazon weniger als 50 Euro. Auch das iPad lässt sich übrigens als mobile Aufzeichnungsmaschine vortrefflich einsetzen. Unsere Lieblingsapp ist das WavePad, das in verschiedenen Formaten mit Abtastraten bis 44 100 Hertz aufzeichnet und zum Versand der Sound-Dateien neben der E-Mail das FTP-Datenprotokoll unterstützt. Das ultimative Extra dieser Gratis-Software ist jedoch der eingebaute Editor, der sogar das Bearbeiten und Schneiden der Aufnahmen am Tablet PC erlaubt.

 

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