Apple kämpft an drei Fronten: Die Keynote der WWDC

Natürlich war es ein Fest für die Fangemeinde, als Apple am Montagabend auf der Entwicklerkonferenz WWDC einen ersten Blick auf die nächsten Neuerungen erlaubte. Nein, ein neues iPhone wurde weder vorgestellt noch angekündigt. Aber das Betriebssystem iOS, das auch auf dem iPad und dem Musikspieler iPod Touch zum Einsatz kommt, macht einen großen Sprung auf die Version 5, und dazu kommen die neuen Cloud-Dienste zur Datenspeicherung in den Wolken des Netzes. Der Datenaustausch mit einem Kabel „macht uns verrückt“, sagte Steve Jobs, künftig wandert alles automatisch von einem Gerät zum nächsten.

Aus der Vogelperspektive ist unschwer zu erkennen, welchen Herausforderungen Apple begegnen will, — und worum es jenseits aller technischen Details geht: Der Apple-Kosmos soll verdichtet werden, mobile Geräte und Mac-Rechner lösen sich von der jeweiligen Hardware, die Cloud hat erste Priorität, und mit der nahtlosen Verknüpfung der Apple-Produkte untereinander entsteht die nächste Stufe der „user experience“. Die Amerikaner kämpfen damit an verschiedenen Fronten:

Erstens richten sich alle Ankündigungen gegen die besonders populären Cloud-Systeme für die private Nutzung, wie etwa die Dropbox, die derzeit einen Aufschwung ohnegleichen erfährt. Apple löst sein bislang wenig erfolgreiches MobileMe-System im Herbst durch iCloud ab. Es wird nun gratis bereitgestellt, bietet aber etwas weniger Speicher, nämlich 5 Gigabyte für jedes Konto. Jedoch werden alle Nutzerdaten – E-Mail, Kalender, Kontakte, Apps, Dokumente – automatisch in die Cloud geladen und ebenfalls automatisch mit allen Geräten fortwährend synchronisiert. Ferner erstellt iCloud täglich ein Backup der iOS-Geräte, sofern sie in ein W-Lan-Netz eingebucht sind. Neu erworbene Geräte können allein mit der Eingabe des Account-Namens in Betrieb genommen werden. Die kabelgebundene Synchronisation mit iTunes entfällt, sämtliche Einstellungen und Apps werden automatisch wiederhergestellt. Auch Fotos, die man mit dem iPhone, iPad oder iPod Touch schießt, landen mit „Photostream“ in der Cloud. Ihr Speicherplatz wird auf die 5 Gigabyte nicht angerechnet, allerdings stehen sie nur 30 Tage zur Verfügung. Sollen sie permanent bereitgehalten werden, muss man sie in ein Album packen. Auf den iOS-Geräten sind bis zu 1000 Bilder vorgehalten, auf Mac-Rechnern oder Windows-PCs gibt es keine Grenze.

Apple will eine perfekte Synchronisation bis ins letzte Detail bieten. So sollen auch Texte, Tabellen und Präsentationen aus der iWork-Familie automatisch mit ihrem jeweiligen Bearbeitungsstand abgeglichen werden. Und nicht zuletzt bietet „AirDrop“ als Bestandteil des neuen Mac OS X 10.7 „Lion“ den Austausch von Dokumenten im lokalen W-Lan-Netz.

Zweitens sind die wichtigsten Verbesserungen von iOS 5 eine Kampfansage an das rivalisierende Android-Betriebssystem für Smartphones und Tablets. Apple kopiert seine Vorteile. Dazu gehört zunächst das neue Benachrichtigungssystem. Die bisherige Darstellung der Push-Notifications (etwa bei Chat-Anfragen, Twitter-Meldungen) gilt als unübersichtlich. Vom Herbst an gibt es das „Notification Center“, das alle Hinweise aller Dienste unter einem Dach bündelt. Ein Wischen über eine Benachrichtigung öffnet die zugehörige App. Man beachte allerdings: Es bleibt bei Push Notifications, die über einen Apple-Server laufen. Nicht immer funktioniert das zuverlässig, diese Kritik bleibt. Auch haben wir am Montagabend nicht gesehen, dass man künftig anstehende Termine des Kalenders permanent auf dem Standby-Bildschirm einblenden könnte.

Wie bei Android sind von Herbst an partielle Updates des Betriebssystems vorgesehen, man muss also für kleine Änderungen nicht mehr 700 Megabyte laden. Auch bei den Chat-Systemen will Apple mitspielen: das neue iMessage erlaubt den Austausch von Textnachrichten, Fotos und anderen Medien mit den iOS-5-Geräten der Freunde. Ferner gibt es für iOS einen „Newsstand“, also eine Art Zeitungskiosk für Verlage, in dem aktuelle Ausgaben automatisch aktualisiert und im Hintergrund geladen werden. Apple will ferner den Nachrichtendienst Twitter vollständig in sein Betriebssystem integrieren. Man soll aus nahezu jeder App heraus „twittern“ können, zum Beispiel das gerade geschossene Foto oder den im Safari-Browser angezeigten Artikel. Eine Reader-Funktion erlaubt das Lesen von WWW-Seiten in reiner Textdarstellung sowie das Speichern für die spätere Lektüre. Hier greift Apple kleinere Systeme wie Instapaper oder „Read it Later“ frontal an.

Drittens sieht Apple die zunehmende Bedeutung von Musik-Streaming-Diensten und setzt abermals auf die Cloud: Musikstücke, die man auf seinen Apple-Geräten mit dem iTunes-Account kauft, werden ebenfalls in der Wolke vorgehalten und mit allen Geräten synchronisiert. Was man am Mac kauft, ist also wenig später auch auf dem iPhone hörbar, und das iCloud-Limit von 5 Gigabyte gilt nicht bei iTunes-Einkäufen. Muss man bei den Musikangeboten von Amazon oder Google seine eigenen MP3-Stücke zunächst in die Cloud hochladen, beschreitet Apple einen viel einfacheren Weg. Das gilt auch für jene Titel, die bereits auf der privaten Festplatte liegen. Zum Beispiel die händisch von der Audio-CD ins MP3-Format konvertierten Alben. Hier springt iTunes Match ein: Es vergleicht die MP3-Signaturen auf der Festplatte des Nutzers mit den MP3-Signaturen der 18 Millionen Musikstücke, die insgesamt in iTunes vorhanden sind. Wird das Stück erkannt, wird es dem eigenen iTunes-Konto zugeschlagen – und zwar ohne „Upload“ der physikalischen Datei. iTunes Match kostet 25 Dollar im Jahr, und die Idee funktioniert nur, weil Apple im Gegensatz zu Google und Amazon Lizenzverträge mit der Musikindustrie geschlossen hat.

Hinweis: Als Voraussetzung für iCloud gibt Apple die Anmeldung mit einem iPhone, iPad oder iPod Touch und iOS 5 an oder mit einem Mac, der mit OS X Lion läuft. Lion wiederum setzt einen Intel-basierten Mac mit Core 2 Duo, i3, i5, i7 oder Xeon-Prozessor voraus.

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