Plädoyer für den mündigen Kunden und Android pur

Welch ein Chaos: Im Februar kündigt der taiwanesische Hersteller HTC an, dass die stolzen Besitzer eines Desire-Smartphones selbstredend ein Update auf Android 2.3 (Gingerbread) erhalten. Das Gerät ist gerade mal ein Jahr alt. Dann wird zurückgerudert. Kein Gingerbread für dieses Modell, der Arbeitsspeicher reiche nicht aus. Nicht etwa, dass Android so ressourcenhungrig wäre. Nein, vielmehr brauche der aktualisierte HTC-Aufsatz „Sense“ mehr Speicher. Und wegen der „tollen Nutzererfahrung“ von Sense bleibe alles beim alten. Ein Proteststurm auf Facebook setzt ein, und HTC gibt klein bei. Nun soll das Desire doch Gingerbread erhalten. Und was ist mit dem knappen Arbeitsspeicher?

Und retour: Doch Gingerbread fürs Desire

Dieses geradezu typische Herumpfuschen am Betriebssystem betreiben auch Motorola, LG, Sony Ericsson und Samsung. Alten Geräten bleibt die aktuelle Software versperrt – sie kommt gar nicht oder erst Monate später. Sense, Motoblur, TouchWiz und andere Tuning-Maßnahmen werden als Pluspunkt  herausgestellt. Tatsächlich geht es aber darum, dass sich die Hardware-Hersteller ein Stück vom Software-Kuchen abschneiden wollen. Die Idee: Wer beispielsweise den „Friendstream“ von HTC Sense für Facebook oder Twitter einsetzt, meldet sich mit seinen privaten Daten in Taiwan an und bindet sich enger an den Hersteller. Nur sind alle diese Erweiterungen mehr Show-Einlagen für den Verkaufsraum als ernstzunehmende Apps des anspruchsvollen Nutzers. Sie lassen sich zudem nicht deinstallieren, okkupieren Arbeitsspeicher und Systemressourcen, und sie verschlechtern die Android-Erfahrung. Man werfe nur einen Blick auf den Original-Kalender von Android im Vergleich mit dem Murks, den HTC daraus macht. Termine in der Wochendarstellung lassen sich nicht mehr lesen. Oder man blicke auf jene Fehler, die sich bei Samsung in das neue Galaxy S2 eingeschlichen haben.

Die Android-Aufsätze sind also aus vielen Gründen ein Ärgernis. Gewisse Schwächen kann man mit einem alternativen „Launcher“ umgehen. Aber die Wurzel des Übels bleibt. Im Sinne von Google ist das alles nicht. Unzufriedene Kunden suchen händeringend nach Alternativen. Etliche „rooten“ ihr Gerät und spielen neue Betriebssystem-Varianten auf, Stichwort: Cyanogen Mod, ein unabhängiges Entwicklerprojekt. Wichtige Sicherheits-Updates kommen nicht zeitnah auf die aktuellen Modelle, und wer mit Sense, Motoblur oder TouchWiz unangenehme Erfahrungen gemacht hat, wird sich vielleicht ganz von Android abwenden. Dass die App-Entwickler unter der Fragmentierung der Betriebssoftware leiden, sei nur am Rande erwähnt.

Zum Marktstart des Tablet-Systems Android 3.0 Honeycomb hat Google angeblich das Aufspielen der unbeliebten Erweiterungen für einige Monate verboten. Motorolas Xoom kam mit Android pur in den Handel. Nun ist es Zeit, dass Google auch bei den Smartphones das Heft in die Hand nimmt und zumindest eine unumstößliche Regel aufstellt: Wer sein Smartphone zurücksetzt, sollte die Wahl haben, ob er die „tollen“ Erweiterungen mitnimmt oder Android pur bekommt. Man lasse bitte den mündigen Käufer entscheiden.

Ergänzung: Golem meldet, dass das HTC Desire ein „abgespecktes“ Sense erhalten wird.

4 Antworten auf „Plädoyer für den mündigen Kunden und Android pur“

  1. Ich habe ein Samsung Galaxy 9000 mit der Samsung-TouchWizz-Oberfläche und stimme dem dem Artikel in allen Punkten zu. Ich hätte nunmal immer gerne die aktuelle Version des Betriebssystems, anderen mag das nicht ganz so wichtig sein. Ich will das neue System nicht erst nach Monaten der Erscheinung und zig Ankündigungen, die dann wieder verschoben werden etc. Nicht minder nervig sind die ganzen unnützen Apps, die ich nicht löschen kann und mir nur Ressourcen und die Übersichtlichkeit auf dem Display rauben. Und irgendwelche Eigenroots kommen für mich auch nicht in Frage, dafür gebe ich nicht soviel Geld aus, um dann rumzubasteln.

    Ich bin davon derart genervt, dass ich bei meinem nächsten Smartphone entweder eins kaufe, das Android Pur drauf hat, wobei sich die Auswahl da derzeit meines Wissens auf ein einziges Gerät, das Nexus S, beschränkt, oder dann doch ins bisher gemiedene Apple-Lager wechsle und ein iPhone kaufe.

    Bein iPhone habe ich dieses Gemurkse nicht und es kommt hinzu, dass in der Regel die besten Apps immer erst für das iPhone zu haben sind und erst viel später, wenn überhaupt, für Android.

    Das bei Apple auch nicht alles Gold ist, ist mir klar, aber da muss sich jeder entscheiden, was ihm wichtig ist. Im sinne von Google kann das jedenfalls nicht sein, dass wegen sowas Unnötigem Kunden zum Konkurrenten Apple abwandern.

  2. Als geradezu typischer Early Adopter kann ich ihren Schmerz gut nachvollziehen. Natürlich möchten die meisten … sagen wir mal „engagierten“ Benutzer eines Smartphones oder ähnlichen Gadgets immer die neueste und beste Software auf ihrem Gerät haben. Android ist aber – und die Anhänger dieses Systems betonen das ja immer wieder gerne – ein (weitgehend) Open Source System. Die Hersteller haben deshalb die Möglichkeit, es zu customizen und nutzen diese auch. Sie tun das aus den von ihnen genannten Gründen und anderen.

    Dass diese Möglichkeit besteht, ist Teil der Attraktivität der Android-Plattform für die Hersteller. Würden sie diese Möglichkeit nicht nutzen, würden sie sich zu reinen Erfüllungsgehilfen von Google degradieren und die Vergleichbarkeit zwischen den Herstellern würde verbessert. Das ist etwas, das jeder Markenhersteller fürchtet, wie der Teufel das Weihwasser.

    Für Google sind die sich daraus ergebenden Probleme natürlich unschön. Die Frage ist dabei aber, ob Google den Herstellern diese Freiheit nehmen kann und gleichzeitig die Illusion eines offenen Systems aufrecht erhalten kann. Die Chancen dafur waxhsen mit der Bedeutung von android aber ich halte es für schwierig. Ein Balanceakt wäre das allemal.

    Uns Nerds mag sich der Aufdruck aufdrängen, dass der Druck der Endkunden doch eigentlich ausreichen sollte, die Hardwarehersteller dazu zu bewegen. Es gibt ja kaum einen Blog-Autor, der seine Liebe fur die herstellerspezifischen Ergänzungen kundtut, oder?

    Daran melde ich aber zumindest leichte Zweifel an. Je mehr auch Smartphones Gebrauchsgegenstände werden, desto weniger durfte sich die Mehrheit der Kunden für Details der Softwareausstattung interessieren. In meinem Bekanntenkreis nteressiert sich – ausserhalb des Kreises meiner „Online-Bekannten“ – eigentlich niemand für die Softwareversion auf ihren iPhones und anderen Smartphones.

  3. Ich stimme dem Artikel zu. Die Einschränkungen sind äußerst ärgerlich. Es ist so zum Beispiel schwer möglich, ein alternatives Anrufmanagement zu verwenden, bei welchem in den Einträgen der Anruf-Historie die Rufnummernart (Privat, Mobil, Geschäft etc.) angezeigt wird — für mich eine unverzichtbare Basisfunktion, wie sie z. B. bei Sony-Ericsson selbstverständlich ist.

    Außerdem kann zu diesem Thema erwähnt werden, daß mit den Herstelleranpassungen weitere versteckte Änderungen bzw. Funktionseinschränkungen mitkommen. Samsung z. B. unterbindet die Möglichkeit, Telefongespräche mitzuschneiden (was unterwegs zum „notieren“ von Terminen, Artikelnummern, Wegbeschreibungen etc. von unschätzbarem Nutzen ist), Motorola, HTC und andere unterbinden die Wahl alternativer Systemschriftarten und so weiter.

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