Flinc & Co: Mitfahren mit Web 2.0

Mitfahrzentrale: Das hört sich staubtrocken nach den achtziger Jahren an, man denkt an die guten alten Zeiten von Karteikästen und „Anhaltern“ am Straßenrand. Letztere sind aus dem deutschen Straßenbild so gut wie verschwunden. Man will sich eben nicht Tage vor seiner Reise irgendwo anmelden oder wildfremde Leute auf seinen savannebeigefarbenen Ledersitzen im Sportcoupé lümmeln lassen. Indes hat die Idee einer angenehmen Plauderei während der Fahrt durchaus ihren Reiz, wenn Freunde oder zumindest weitläufige Bekannte mitfahren.

So sieht man immer wieder Hinweise auf Twitter oder Facebook, wer wann welche Fahrt antritt, auf dass sich ein Follower oder Facebook-Freund als spontane Reisebegleitung melden möge. Diesen Gedanken, das Mitfahren in elektronische Netzwerke einzubinden, treibt das junge Startup-Unternehmen „Flinc“ an. Drei Studenten der Fachhochschule Darmstadt entwickelten die Idee, ein erfahrener Unternehmer kam als Geschäftsführer dazu, man gründete eine Aktiengesellschaft, und in der vorigen Woche ging Flinc nach längerem Versuchsbetrieb an den Start.

Mobilitätszentrale: Flinc-Seite im Internet (Foto Spehr)

Das Funktionsprinzip von Flinc basiert unter anderem auf dem Vertrauensbonus der sozialen Netze. Wer mit Foto und seinem realen Namen angemeldet ist und sich über mehrere Ecken in den eigenen Bekannten- oder Freundeskreis einordnet, den sieht man mit anderen Augen. Auch auf dem Leder in Savannebeige (5823 Euro Aufpreis). Man baut in Flinc sein privates Mobilitätsnetz auf, erkennt Relationen und Verknüpfungen zu anderen, erfährt, dass das Gegenüber schon 27 Mal Fahrer oder Mitfahrer war und dabei durchgängig positive „Bewertungen“ erhalten hat.

Flinc will an „soziale Hubs“ andocken, etwa das Arbeitsumfeld in großen Unternehmen. Man nimmt mal den einen, mal den anderen mit und muss sich nicht an starre Abfahrtszeiten von Fahrgemeinschaften halten. Denn der zweite Pluspunkt von Flinc ist seine Flexibilität. Im Unterschied zu vielen anderen Mitfahrzentralen im Internet gibt es ein „Routen-Matching“, das auch Mitfahrer vermittelt, die auf einer Fahrstrecke zusteigen können oder nur einen Teil mitfahren. Ferner eignet sich das System für kurze Strecken und kleine Orte, die von den meisten herkömmlichen Mitfahrzentralen nicht bedient werden. Dank der Smartphone-Anbindung kann der Fahrer seine Reisedaten jederzeit eingeben – und potentielle Mitfahrer werden mit Push-Benachrichtigungen in Echtzeit informiert. Noch funktioniert das allerdings nur mit dem iPhone, eine App für die Androiden ist in Entwicklung.

Wer bei Flinc losfahren will, muss sich auf der Startseite www.flinc.org im Internet mit Name und E-Mail-Adresse anmelden. Anschließend kann man sein privates Netzwerk aufbauen wie bei Facebook: Nach Kontakten suchen, Freundschaftsanfragen stellen oder in den Kontakten der Freunde stöbern, um weitere Personen in den Kreis eventueller Fahrer und Mitfahrer aufzunehmen. Wie bei Facebook erhöht sich die Zahl der Kontakte durch die Freunde von Freunden ungemein schnell. Wir hatten in der vergangenen Woche mit nur 17 Flinc-Kontakten ein Mobilitätsnetzwerk aus insgesamt 2800 Personen. Wer vorsichtig ist, stellt Flinc so ein, dass sämtliche Vermittlungsaktivitäten im Rahmen des persönlichen Mobilitätsnetzes bleiben. Man fährt also beispielsweise nur mit Arbeitskollegen und jenen Personen, die man ausdrücklich in seinen eigenen Kreis aufgenommen hat. Deaktiviert man die Option, kommen Anfragen und Vorschläge aus dem gesamten Flinc-Netz.

Will man eine Mitfahrgelegenheit anbieten, gibt man im Browser oder auf dem Smartphone die Reisedaten ein und legt nach eigenem Gusto einen Preis für die Passagiere fest. Flinc ermittelt Vorschläge für Mitfahrer, die sowohl im Web-Browser wie auch auf dem Mobiltelefon angezeigt werden. Man sieht, wer da anklopft, kann zustimmen oder ablehnen und erfährt im Zusammenspiel mit der Navigon-Routenführung auf dem iPhone zudem, wie lang der Umweg ist, um den Passagier an Bord zu holen. Ferner werden die entsprechenden Adressen gleich in den Navigon-Kopiloten übertragen. Nach der Fahrt bewertet man sich gegenseitig und sammelt virtuelle Punkte. Vor allem die iPhone-App macht den Einsatz von Flinc leicht: Die Startposition muss man dank GPS-Ortung in der Regel nicht eingeben, und wer jeden Tag zur gleichen Zeit fährt, kann wiederkehrende Fahrten programmieren.

Die Konkurrenz schläft nicht

Das alles ist wunderbar gemacht, die geradezu spielerische Leichtigkeit des Angebots überzeugt. Flinc lässt sich derzeit unentgeltlich nutzen. Eine „kleine“ Vermittlungsgebühr wollen die Betreiber erst vom kommenden Jahr an erheben. Aber die Konkurrenz ist überaus stark: Das junge Unternehmen gleicht in vielen Details der Internetseite Mitfahrgelegenheit.de. Die besteht seit zehn Jahren und zählt mehr als 1,7 Millionen registrierte Nutzer. Auch hier gibt es eine App fürs iPhone, Profile und Bewertungen. Eine große Massenbasis wiederum ist für den Erfolg einer Mitfahrzentrale entscheidend: Ohne Fahrer keine Mitfahrten. Indes richten sich Mitfahrgelegenheit.de und andere eher an diejenigen, die längere Strecken von Großstadt zu Großstadt planen.

Ein weiterer Rivale ist Open Ride, ein Open-Source-Projekt am Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme. Auch hier steht das Mobiltelefon im Vordergrund: Man gibt Start- und Endpunkt sowie die Zahl der freien Plätze an. Auf dem Open-Ride-Server gleicht eine Suchmaschine für „intelligentes“ Routen-Matching eingehende Angebote und Nachfragen ab. Teilstrecken entlang der Route werden ebenfalls berücksichtigt. Besonderen Wert legen die Fraunhofer-Forscher auf die Schnelligkeit. Man könne „ad hoc“ sogar Mitfahrgesuche vermitteln, die eingestellt werden, nachdem der Fahrer schon losgefahren ist. Zudem sind auch hier Bewertungs- und Nutzerprofile geplant. Auf der Internetseite www.open-ride.com können zudem Software-Entwickler den Quellcode in eigene Mobilitätskonzepte integrieren.

Wie Flinc wollen auch die Fraunhofer „spontane und kürzere Fahrten“ vermitteln. Diese alltäglichen Kurzstrecken unter 40 Kilometer machen rund 80 Prozent aller Fahrten aus. Insgesamt meinen wir, dass bei dieser neuen Smartphone-Mobilität vor allem der Spaßfaktor im Vordergrund steht. So könnte die alte Idee des Mitfahrens neuen Schwung bekommen.

Eine Antwort auf „Flinc & Co: Mitfahren mit Web 2.0“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.