Musik in der Cloud: Die wunderbare Leichtigkeit von HiFi 2.0

Noch bilden sie den HiFi-Altar im Wohnzimmer. Lautsprecher, CD-Spieler, Verstärker, Radio und andere Apparate tummeln sich rund ums Fernsehgerät, und im Regal kommen Hunderte von Audio-CDs dazu. Der Weg zur guten Musik im eigenen Heim gleicht einer japanischen Teezeremonie: Auswahl der zu spielenden Quelle, Blättern und Suche in der CD-Sammlung, Einschalten verschiedener Geräte und die manuelle Abstimmung der Lautstärke mit einem Drehsteller. Man kann dieses Ritual genießen.

Aber es geht auch einfacher. Ein Lautsprecher mit eingebautem Verstärker am W-Lan-Router, die passende App fürs Smartphone und ein Abonnement für Musikdienste im Internet sind schon alles. In weniger als fünf Sekunden erscheint die Liste der Neuerscheinungen auf dem Display des Telefons. Und mit einem weiteren Fingertipp spielt das neue Album von „Adele“ im Wohnzimmer. Man hat es nicht erworben, man muss es auch nicht kaufen, und trotzdem ist das Ganze legal.

Musik-Streaming aus dem Netz und Musikspeicherung in der Cloud sind vor allem bei der jungen Generation beliebt. Die neuen Verfahren lösen sich vom physikalischen Datenträger und bieten damit einen universellen Zugriff auf Musik: zu Hause am PC und an der HiFi-Anlage, unterwegs auf dem Smartphone und dem Tablet PC. Streaming ist der Medienempfang über das Netz und die gleichzeitige Wiedergabe. Der Inhalt muss also vor der Wiedergabe nicht lokal (etwa auf der Festplatte) gespeichert werden.

Wer einen Blick auf die neuen Angebote wirft, sieht eine klare Differenzierungslinie. Das „konservative“ Modell setzt wie gehabt auf den Kauf von Alben und Titeln. Die Innovation ist das Vorhalten in der Datenwolke des Internet und der einfache Kaufvorgang, indem neu erworbene Titel automatisch in die private Musik-Cloud eingeordnet werden. Überflüssig wird der Zwischenhandel, das Umwandeln der CD in MP3-Dateien und das manuelle Übertragen auf ein Smartphone.

Amazon hat in den Vereinigten Staaten sein „Cloud Drive“ gestartet. Man meldet sich mit seinem Amazon-Nutzernamen an und kann unentgeltlich 5 Gigabyte Musik (und andere Daten) in die Wolke hochladen. Musik in den Formaten MP3 und AAC lässt sich fortan über ein Web-Interface streamen oder – auf Android-Smartphones und Tablet PC – mit Hilfe einer App wiedergeben. Auf den mobilen Geräten wird die Musik entweder lokal vorgehalten oder (bei vorhandener Netzverbindung) direkt aus der eigenen Cloud heraus abgespielt. Der Clou tut sich nach dem Erwerb von weiteren Stücken oder Alben bei Amazon auf: Sie wandern nicht nur sofort als MP3 in das eigene Cloud-Drive, sondern erhöhen derzeit auch den Gratis-Speicherplatz auf 20 Gigabyte.

Bei Amazon gekaufte Musik wird zudem nicht auf das Speicherlimit angerechnet. Ein starkes Argument, seine Musik nur noch bei Amazon zu kaufen. Und damit sind gleich die Grenzen dieses Diensts aufgezeigt. Ein direkter Zugriff auf vorhandene Musikbibliotheken (etwa Apple iTunes) ist nicht möglich, zudem gibt es die Amazon-App nur für Android und in einer (eingeschränkten) Version für die Blackberrys.

Eigene Musik landet in der Cloud

Das Hochladen älterer eigener Bestände in die Amazon-Cloud ist nicht nur mühselig, sondern selbst mit einem schnellen DSL-Anschluss zeitraubend. Gegebenenfalls ist man tagelang beschäftigt. Diesen großen Nachteil bringt auch das neue Google Music mit, das ebenfalls für das allgemeine Publikum nur in den Vereinigten Staaten zur Verfügung steht (man kann es mit „Einladungen“ auch in Deutschland ausprobieren). Google Music bietet Platz für bis zu 20.000 Titel, auf die man via Browser oder Android-App zugreift. Für das iPhone und das iPad gibt es eine im Safari-Browser laufende Web-App. Bis zu acht Mobilgeräte lassen sich mit einem Account anbinden, ausgewählte Titel stehen „offline“ für die Wiedergabe ohne Netzverbindung parat. Google bietet jedoch keine Möglichkeit, neue Alben zu kaufen und direkt in der Cloud abzulegen.

Und schließlich Apple. Mit dem kommenden iPhone-Betriebssystem iOS 5 geht die iCloud an den Start. Sie ersetzt den Online-Dienst Mobile Me, und dahinter steckt ein übergreifendes Konzept der Datenspeicherung in der Wolke, bei dem es nicht nur um Musik geht. Vielmehr werden auf Wunsch (und abschaltbar) alle Nutzerdaten des iPhone oder iPad auf Servern von Apple vorgehalten. Die bisherige Datensynchronisation der Kleingeräte mit iTunes am PC oder Mac soll überflüssig werden. iCloud ist zugleich eine Backup-Lösung und ein Bildverwalter. Fotos, die man mit dem iPhone schießt, wandern automatisch nach Cupertino. Jedem Nutzer stehen fünf Gigabyte für E-Mail, Dokumente, Backups und Musik zur Verfügung. Kauft man Musik oder Bücher in Apples Online-Geschäft, wird deren Speicherplatz nicht angerechnet. Weiteren Speicher kann man zukaufen, und wie bei Amazon und Google lässt sich auch die vorhandene Musik in die Cloud bewegen und auf anderen Geräten bereitstellen. Allerdings mit einem Kniff. Sie wird von iTunes Match identifiziert und dann direkt aus dem iTunes Music Store bereitgehalten. Und zwar in einer hohen Auflösung (256 KBit AAC), ohne dass man nur ein einziges Lied manuell hochladen müsste. Für 25 000 Stücke kostet dieser Dienst 25 Dollar im Jahr, und auf diese Weise wird der vorhandene Altbestand, egal aus welcher Quelle er stammt, automatisch legalisiert. Apple hat entsprechende Vereinbarungen mit den großen Musikkonzernen getroffen.

Apple geht also deutlich über Amazon und Google hinaus und kann zudem die Frage beantworten, wie die Musik aus der Cloud an der heimischen HiFi-Anlage aufspielt. Die Antwort ist Airplay, eine hauseigene Streaming-Technik, die es erlaubt, Medien aller Art drahtlos über entsprechende Empfangsgeräte wie Lautsprecher, Stereosysteme oder Fernsehgeräte wiederzugeben. Noch pflegt Airplay allerdings ein Nischendasein.

Abschied vom Besitz

An dieser Stelle darf man getrost innehalten und eine radikale Frage in den Raum werfen. Warum sollen Milliarden von Hörern identische Stücke in riesigen Rechenzentren lagern, um auf eine Musikbibliothek dieser Welt zuzugreifen, die sich bequem und günstig auf wenigen Terabyte unterbringen ließe? Nur deshalb, weil man einzelne Stücke besitzt und andere nicht? Ist dieser Aufwand überhaupt zu rechtfertigen?

Hier setzt die Idee der Streaming-Dienste an. Sie verabschiedet sich von dem Gedanken, dass man Musik besitzt. Man schließt ein Abonnement ab und kann aus dem jeweiligen Angebot alles uneingeschränkt hören. Allerdings nur während der Laufzeit des Abonnements. Kündigt man dieses, bleibt nichts. Titel und Alben lassen sich nur hören, nicht dauerhaft speichern oder weitergeben. Unternehmen wie Napster oder Simfy haben Verträge mit den Verwertungsgesellschaften, so dass hier legale Angebote vorliegen. Millionen von Titeln stehen zur Verfügung. Man hört sie wahlweise am PC mit Internetverbindung, was keine 10 Euro im Monat kostet. Oder auf dem Smartphone in einer etwas teureren Variante und hier wahlweise im Streaming-Verfahren mit Mobilfunk-Datenverbindung oder im „Offline-Modus“ vom Gerätespeicher.

Die diversen Dienste unterscheiden sich in zahlreichen Einzelheiten. In der Größe und Aktualität des angebotenen Musikrepertoires, der Leistungsfähigkeit der Software sowie dem Umgang mit Wiedergabelisten. Ferner in den Möglichkeiten, Streaming-Hardware anzusteuern oder der Verknüpfung mit sozialen Musiknetzwerken, in denen man seine persönlichen Hörgewohnheiten mit anderen teilt – und von Gleichgesinnten neue Vorschläge für frische Musik erhält, quasi eine bidirektionale Empfehlungsfunktion.

Sonos Play 3 mit Android-Smartphone (Foto Hersteller)

Wir haben das Angebot des Marktführers Napster einige Zeit ausprobiert. Das amerikanische Unternehmen entstand als Musiktauschbörse und bietet mittlerweile rund 17 Millionen Titel an. Die erste wichtige Erfahrung lautet: Die Masse macht’s. Geht man mit einem Mainstream-Musikgeschmack an Napster heran, ist die Fülle geradezu erschlagend. Es ist eben alles auf Mausklick verfügbar, zumindest aus den Bereichen Rock und Pop, Rap, Dance, Soul und Alternative. Wer sich mit Jugendlichen oder Junggebliebenen auf die Suche nach ihren Lieblingstiteln macht, sieht schnell ein Leuchten in den Augen.

Tote Hose bei den Toten Hosen

Nur kurz für 30 Sekunden anspielbar sind jedoch Titel einzelner Musikgruppen, die ihre Rechte nicht für Napster und Co. freigegeben haben. Dazu gehören etwa Die Ärzte, Die Toten Hosen und die Red Hot Chili Peppers. Auch manche Compilation fehlt bei unklarer Rechtelage, gegebenenfalls findet man aber die einzelnen Titel. Klassik und Jazz sind ordentlich bei Napster aufgestellt, aber der HiFi-Liebhaber älterer Schule wird mühelos Dutzende von CDs aus seinem Regal ziehen, die man auf Napster nicht findet, alte Einspielungen beispielsweise oder kleine Auflagen exotischer Labels. In diesem Sinne sind 17 Millionen Titel gewiss viel, aber mit viel weniger sollte man sich nicht zufriedengeben.

Faszinierend ist die Smartphone-Unterstützung. Auf bis zu drei Geräten, wahlweise Android oder iPhone, kann man mit der zugehörigen Napster-App nicht nur streamend live empfangen, sondern sich beispielsweise morgens Tag für Tag ein neues Album auf das Gerät laden, um es später mit Bluetooth A2DP im Auto wiederzugeben. Ein Limit für diese Offline-Titel gibt es bei Napster nicht. Dass die Napster-Software fürs iPhone gelegentlich hakt, sei am Rande erwähnt. Insgesamt ist das eine Zäsur. Der flinke Zugriff auf fast alle Titel wird selbstverständlich. Die Wege zur Musik sind nicht mehr durch den eigenen Aufenthaltsort oder durch das Vorhandensein von Medien begrenzt. Musik ist vielmehr so selbstverständlich wie Strom oder Wasser. Damit geht die Bedeutung einzelner Titel zurück, ihr ökonomischer Wert strebt bei solchen Flatrate-Angeboten gegen null.

Napster auf dem iPhone (Foto Spehr)

Und für die Musik zu Hause ändern Napster & Co ebenfalls alles. Wir haben nicht die HiFi-Anlage abgebaut. Denn die Klangqualität der mit MP3 oder AAC eingedampften Stücke ist zwar ordentlich, befriedigt aber nicht höchste Ansprüche. Indes haben wir die neue kleine Sonos-Anlage Play 3 zusätzlich aufgebaut. Sonos richtet sich seit Jahren an Zeitgenossen, die ihre Musik in iTunes-Archiven oder auf Netzwerkfestplatten vorhalten. Das amerikanische System reicht sie drahtlos an Abspielstationen (Zonen) im Heimnetz weiter. Mit Apps fürs iPhone oder Android steuert man die Wiedergabe, und zwar im gesamten Haus. Faszinierend ist, wie einfach das Ganze vonstattengeht. Neue Einheiten sind im Nu angekoppelt, aus zwei Zonen kann man ein Stereo-Pärchen machen, aber selbst im Mono-Einsatz klingt die Play 3 verblüffend gut. Nur ärgert man sich über einige Nickeligkeiten: Ein Zugriff auf iTunes-Wiedergabelisten fehlt, und Airplay wird von Sonos nur über den Umweg einer weiteren Komponente – Apples Airport Express – hergestellt.

Aber Sonos arbeitet sowohl mit sozialen Musiknetzwerken wie Last FM zusammen wie auch mit Napster. Damit schließt sich der Kreis. Ein solches System hat mit dem gewohnten HiFi-Konsum und der Stapelware im Tonträgerregal nichts mehr gemeinsam. Gesten auf dem Smartphone dienen der Navigation durch Genres, Alben, Interpreten oder das Internet-Radio, man startet eine Suchfunktion oder hört die Last-FM-Empfehlungen unbekannter Wahlverwandtschaften. Mit einem Fingerstreich werden also fast alle Zugangsgrenzen zum Universum der digitalen Musik niedergemäht. Das ist Musikhören 2.0.

2 Antworten auf „Musik in der Cloud: Die wunderbare Leichtigkeit von HiFi 2.0“

  1. Schöne Übersicht, danke. Aber: Weil ich so alt und altmodisch bin, liebe ich es immer noch, die Dinge in die Hand zu nehmen (CD und Vinyl) oder zum Beispiel Cover zu betrachten (besser von LP). Mir graust außerdem davor, alle meine Besitztümer, Musik, Videos oder Bücher, so furchtbar praktisch ausgelagert zu haben. Außerdem traue ich keinem der großen Unternehmen. Wir sollen kein Eigentum an Büchern etc. erwerben, sonder dauerhaft und möglichst immer wieder Nutzungsgebühren zahlen.

  2. vielen Dank für den Bericht, der genau in die Richtung geht, in die ich meine Heim-Hifi-Lösung entwickele. Ich streame vor allem Simfy über SmartPhones zu meinem Marantz SR5006-Netzwerkverstärker. Dieser hat eine Napster-Integration, so kann ich wunderbar auch ohne SmartPhones Musik genießen, obwohl ich ein SmartPhone oder Tablet einer Fernbedienung vorziehe. Mein Testbericht: http://stadt-bremerhaven.de/gastbeitrag-testbericht-netzwerk-receiver-marantz-sr-5006

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