Test: TomTom D-A-CH Version 1.9 für iOS

„Man verfährt sich ständig“, lautete die vernichtende Bilanz eines Kollegen, der zwei Wochen mit einem Tom-Tom-Navigationssystem im Testwagen unterwegs war. Dass der elektronische Kopilot ausgerechnet dort patzt, wo seine Kernkompetenz liegt, ist schon ein starkes Stück, soll doch ein Navi das Fahren in fremder Umgebung möglichst angenehm und stressfrei gestalten. Auch wenn die harsche Kritik gewiss etwas übertrieben ist: Die Präzision der Ansagen und Hinweise gilt seit Jahren bei Tom Tom als Schwachpunkt. Wir haben jetzt ein modernisiertes System ausprobiert, nämlich die Tom-Tom-Navigation 1.9, die für das iPhone und das iPad zur Verfügung steht.

Auf dem iPad: TomTom im Querformat, so sieht man mehr (Fotos Spehr)

Für 50 Euro bekommt man eine fast 500 Megabyte große App, die sich auf beiden Geräten einsetzen lässt, wenn ein- und dieselbe Apple-ID verwendet wird. Darin ist das Kartenmaterial für Deutschland, Österreich und die Schweiz enthalten. Wer 70 Euro investiert und 1,6 Gigabyte auf seinem Mobilgerät zur Verfügung stellt, bekommt die Westeuropa-Variante, und für 90 Euro ist ganz Europa im Angebot. Schon diese Hinweise zeigen: Es handelt sich um eine „Onboard“-Navigation, bei der Kartenmaterial und Routendaten im Gerät gespeichert sind. Eine zusätzliche kostenpflichtige Mobilfunkverbindung im Einsatz unterwegs ist also nicht erforderlich.

Zwei- oder dreidimensionale Darstellung der Karte

Allerdings benötigt man unabdingbar eine Stromversorgung fürs Auto, denn Bildschirm plus GPS-Empfänger sind permanent eingeschaltet und strapazieren den Kraftspender aufs äußerste. Nach dem Start verhält sich die App, die wir mit dem iPhone 4S ausprobiert haben, mustergültig. Bei der Adresseingabe gibt es, wie bei den Anlagen in der Werksausstattung, eine Wortergänzung, die den gewünschten Ort schon nach der Eingabe weniger Buchstaben einblendet. Nötigenfalls kann man sogar auf Umlaute verzichten. Neben der manuellen Erfassung von Ort und Straße lassen sich auch die Adressangaben der im iPhone gespeicherten Kontakte übernehmen. Kurios, aber vielleicht sinnvoll: Die in Fotos hinterlegten GPS-Daten können ebenfalls für die Zielführung hinzugezogen werden. Man wird also zum Ort der Aufnahme geführt. Ferner gibt es natürlich eine Suche nach Sonderzielen, wahlweise in der Nähe oder in einer Stadt. Was die Sonderziel-Suche nicht findet, etwa Tankstellen mit Erd- oder Autogas, zeigt gegebenenfalls die Google-Online-Suche, für die allerdings eine Datenverbindung benötigt wird.

In der App: Die Zusatzprogramme

Nach der Zielerfassung erfolgt in wenigen Sekunden die Routenberechnung, anschließend zeigt Tom Tom in einer wahlweise zwei- oder dreidimensionalen Darstellung seine Karte. Das alles ist dann mehr oder weniger identisch mit den Tom-Tom-Navis zur Nachrüstung. Und wie gehabt gilt: Die Ansagen und die Hinweise auf dem Display sind nicht gut. Altbekannte und typische Tom-Tom-Unzulänglichkeiten wurden nicht behoben. Man verfährt sich in der Tat öfter als mit anderen Systemen, hier fehlt der Feinschliff und die Liebe zum Detail – das hatten wir schon mehrfach beklagt.

HD Traffic bester Verkehrsdienst in Deutschland

Der große Pluspunkt sind indes die Verkehrsinformationen. Zum einen setzt Tom Tom auf historisches Material, auf Daten und Statistiken zu jedem einzelnen Straßenabschnitt in Deutschland mitsamt den erzielten Geschwindigkeiten. Damit werden die „IQ Routes“ erstellt, Tempoprofile einzelner Segmente in Abhängigkeit von der Tageszeit. Zu jeder Straße kennen die Niederländer das typische Fahrtempo, und zwar, man höre und staune, im Fünf-Minuten-Takt. Dieser Dienst ist unentgeltlich in der App enthalten. Aktuelle Informationen bieten indes die mit Mobilfunk empfangenen HD-Traffic-Dienste. Dahinter steckt eine bunte Mischung unterschiedlicher Nachrichtenquellen, die zentral zusammengefasst und ausgewertet werden.

Das Ergebnis überzeugt: HD Traffic ist nach unserer Einschätzung der mit Abstand beste Verkehrsdienst in Deutschland. Uns wurden nicht nur größere Störungen auf der Autobahn präzise angezeigt, sondern auch Störungen auf der Landstraße und selbst mancher Feierabendstau in der Kleinstadt. Nicht etwa, dass man dann jedes Mal eine Umleitung wählt. Entscheidend ist die Genauigkeit im Gesamtpaket: Fahre ich über die A648 in die Frankfurter Innenstadt, oder nehme ich den längeren Weg über die Autobahnabfahrt „Westhafen“? Wir haben bei der Beantwortung dieser Frage den Kopiloten jeden Morgen auf die Probe gestellt, fuhren bisweilen mit Absicht konträr zu den Empfehlungen – und waren von den Ergebnissen sehr angetan.

Tom Tom sollte die Staudaten für Nutzer besser aufbereiten

Nur wünscht man sich mehr Transparenz bei der Anzeige und Auswertung der Verkehrsstörungen. Im Unterschied zu den Windschutzscheiben-Navis von Tom Tom kann man die App nicht so programmieren, dass automatisch und selbsttätig stets die schnellste Route unter Berücksichtigung der Verkehrslage gewählt wird. Vielmehr wird man nach im Hintergrund laufenden Neuberechnungen auf eine schnellere Strecke hingewiesen und kann diese dann mit einem Fingertipp aufs Display bestätigen. Der auf Wunsch einblendbare Verzögerungs-Balken am rechten Rand des Bildschirms ist keine große Hilfe und wirft mit seiner Darstellung mehr Fragen auf, als er beantwortet. Insgesamt meinen wir, dass Tom Tom die vorhandenen Staudaten für den Nutzer besser aufbereiten sollte. Eine zusammenfassende Analyse – etwa mit Sprachausgabe – könnte ein Pluspunkt sein.

HD Traffic für die Tom-Tom-App kostet 5 Euro im Monat oder 30 Euro im Jahr. Zu den gleichen Konditionen kann man auch Informationen über Gefahrenstellen hinzubuchen. Allerdings laufen diese Dienste nur auf einem einzigen Gerät. Wer zwischendurch das iPad zur Routenführung einsetzen möchte, muss ein zweites Abonnement abschließen. Hier scheint Tom Tom die Spielregeln der Apple-Welt noch nicht verstanden zu haben. Alles in allem: Die Navi-App lohnt sich vor allem in Verbindung mit den Verkehrsinformationen. Denn die Routenführung an sich gibt es anderswo besser und günstiger.

Die Konkurrenz:

Die Navigon-App mit europäischen Landkarten ist für 75 Euro (derzeit: 60 Euro) zu haben und überzeugt vor allem mit klaren und präzisen Hinweisen. Wer in unbekannten Gefilden sicher und stressfrei zum Ziel geführt werden will, ist hier bestens aufgehoben. Die nahezu identische „Select“- Edition steht für Kunden der Telekom gratis zur Verfügung. Die Stau-Informationen von Navigon reichen allerdings nicht an Tom Tom heran. Sehr günstig ist „GPS Navigation 2“ von Skobbler für 1,60 Euro. Der Trick: Diese App nutzt die Gratis-Karten von „Open Street Map“. Die neueste Version hat auch einen Onboard-Modus, der ohne Mobilfunkverbindung auskommt. Dann enstehen aber weitere Kosten für das vorab zu ladende Kartenmaterial.

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