Lesen und Arbeiten mit dem iPad (1)

Man kann natürlich den Untergang des Abendlandes oder zumindest der jahrhundertealten europäischen Buchkultur beschwören, wenn es um elektronische Bücher oder das Lesen auf einem Tablet PC geht. Es fehlt eben vieles: Der haptische und sinnliche Eindruck, wenn man ein Buch in die Hand nimmt, eine liebevoll gestaltete Typographie, das schnelle Blättern und die Möglichkeit, ein Lesezeichen mit Eselsohr zu setzen. Wer es als Autor gewohnt ist, Dutzende von Büchern aufgeschlagen auf, neben und unter dem Schreibtisch liegen zu haben, flink von einem zum anderen zu wechseln, und dabei im Kopf hat, dass das gesuchte Zitat im ersten Viertel des Buches links unten auf der Seite steht und mit Bleistift markiert ist, der liegt hier völlig falsch.

Schon der Wechsel von einem digitalen Buch zum nächsten dauert deutlich länger als der gewohnte Handgriff in der realen Welt. Elektronische Bücher sprechen also Nutzer an, die ihre Bücher nacheinander „weglesen“, etwa Pendler. Und dann das Elend der digitalen Rechteminderung (DRM). Man erwirbt keine E-Books, man kann sie nach der Lektüre nicht verkaufen oder verschenken, sondern erhält allein die Lizenz zum Lesen, die an einen Account gebunden ist.

Lesen auf dem iPad wie das iPad und andere Apple-Produkte entstanden sind (Fotos Spehr)

Während die Buchhändler ihre kleinen E-Book-Reader mit aller Macht in den Markt drücken, haben wir das Lesen am iPad während der Weihnachtsferien ausgiebig erprobt: Die opulente Steve-Jobs-Biographie von Walter Isaacson und ein nicht weniger umfangreicher Roman wurden rein elektronisch konsumiert. Im Unterschied zu einem Reader kommt bei Apples Flachcomputer nicht die stromsparende E-Ink-Displaytechnik mit extrem hohen Kontrasten zum Einsatz, sondern eine gewöhnliche Flüssigkristall-Anzeige mit eigener Beleuchtung. Die anfängliche Skepsis, ob damit stundenlanges Lesevergnügen ohne Kopfschmerzen überhaupt möglich ist, stellte sich als unbegründet heraus. Zugegeben: Bei hellem Sonnenschein ist man mit dem iPad schlecht beraten, auch stört, je nach Leseposition und Beleuchtung, manche Reflexion und Spiegelung. Dass das iPad mit seinen 600 Gramm schwerer als die meisten elektronischen Lesegeräte ist und sein Akku nur rund zehn Stunden durchhält, sind weitere Minuspunkte.

Aber auf dem heimischen Sofa macht das Ganze durchaus Spaß. Für das iPad stehen unterschiedliche Lese-Apps zur Verfügung. Die zum Betriebssystem gehörende iBooks-Software von Apple ist mit dem eigenen iTunes-Konto verknüpft, und man liest, was Cupertino im Angebot hat. Im Herbst sprach Apple von 25 000 deutschsprachigen Titeln, mittlerweile sind es deutlich mehr. Je populärer ein Buch, desto wahrscheinlicher ist es hier anzutreffen. Bei allen elektronischen Büchern gilt in Deutschland die Preisbindung. Aber für die Lizenz zum Lesen zahlt man 10 bis 20 Prozent weniger als für das gedruckte Werk.

Der Charme von iBooks gründet nicht nur in seiner tiefen Integration in das iOS-Betriebssystem und die iTunes-Medienbibliothek. Die App ist nett und schnörkellos gestaltet, verschiedene Bildschirmschriften und Hintergrundfarben stehen zur Verfügung, und man kann die Display-Helligkeit für die App individuell einstellen. Mit einer optional einblendbaren Navigationsleiste sieht man die ungefähre Leseposition im Buch. Seitenzahlen zum Zitieren gibt es allerdings nicht, weil der Text abhängig von der Schriftgröße umbrochen wird. Man muss also auf ein Kapitel verweisen. Zu den kleineren Extras gehört die Suchfunktion sowie die Möglichkeit, Fremdwörter schnell in Online-Lexika oder der Wikipedia nachschlagen zu können. Ferner lassen sich Notizzettel an einzelne Passagen anhängen.

Das in Deutschland weit verbreitete Epub-Format für elektronische Bücher wird von iBooks ebenfalls unterstützt. Epub basiert auf XML und kann mit geringem Aufwand von jedermann erstellt werden (etwa mit Calibre). Die Strukturen und Spezifikationen sind frei einsehbar. Epub ist ein besonders kompaktes Format und erlaubt einen dynamischen Zeilen- und Seitenumbruch unabhängig von der jeweils eingestellten Textgröße. Allerdings versteht iBooks nur „Epub pur“ ohne digitale Rechteminderung. Es lassen sich also allein die gemeinfreien Epubs mit iBooks auf dem iPad installieren.

Bücher lesen ohne Bücher: Tablet-PC wie das iPad machen es möglich

Die kommerziellen Titel des deutschen Buchhandels im Epub-Format sind stets mit der DRM-Technik von Adobe versehen. Das umstrittene Kopierschutzsystem „Digital Editions“ ist an jeweils einen einzigen PC gebunden, der mitsamt seiner einzelnen Hardware-Komponenten von Adobe überwacht wird. Um ein Epub-Buch mit Adobes DRM auf dem Apple-Gerät zu lesen, benötigt man die Gratis-App Bluefire und ein Adobe-Konto mit den entsprechenden Nutzungsrechten. Das alles ist sehr kompliziert, bringt aber einen großen Pluspunkt: Mit Bluefire lässt sich die digitale „E-Ausleihe“ vieler Bibliotheken nutzen. Mit dem Bibliotheksausweis und seinem Kennwort kann man digitale Werke direkt am iPad laden und im Bluefire-Leser öffnen. Ein Verzeichnis der Bibliotheken, die dieses Verfahren anbieten, findet sich unter www.onleihe.net. Allerdings sollte man nicht damit rechnen, dass jedes Buch seiner Bibliothek schon elektronisch zur Verfügung steht. Die Stadtbibliothek Frankfurt hat beispielsweise nur 3000 elektronische Titel im Angebot. Ein zweiter Vorteil von Bluefire: Direkt aus der App heraus lassen sich ungezählte gemeinfreie Epubs aus verschiedenen Quellen auf das iPad laden. Eine der bekanntesten Anlaufstellen ist feedbooks.com.

Gut zu lesen: Der Bluefire Reader unterstützt auch PDF

Geht es um mehr Auswahl, ungetrübten Lesespaß unabhängig von der Hardware sowie flexible Nutzung, ist Amazon mit seinem Kindle-Buchladen die klare Nummer 1. Seit dem Marktstart des ersten Kindle-Lesegeräts vor vier Jahren hat der amerikanische Versandhändler sein „Ökosystem“ rund um das Lesen in vielfacher Weise ausgebaut. Hier greift nahtlos eins ins andere, und der Kopierschutz der elektronischen Bücher im proprietären Amazon-Format bleibt für den Nutzer unsichtbar. Man kann auf der Amazon-Internetseite mit einem Mausklick neue Titel kaufen, und diese werden dann automatisch ohne weitere Kosten an verknüpfte Amazon-Geräte und -Apps übertragen. Um seine Einkäufe auf dem iPad zu lesen, benötigt man allein die gratis bereitgestellte Amazon App, die wie Apples iBooks aufgebaut ist und ähnlichen Komfort bietet.

Der Gewinn ist jedoch die Plattform-Unabhängigkeit: Im Urlaub kann man problemlos auf einem Kindle-E-Book-Reader weiterlesen. Der Akku des Kindle hält länger durch, und die Anzeige ist dank „elektronischer Tinte“ auch bei hellem Sonnenschein am Strand bestens ablesbar. Wer einen Tablet PC mit Android-Betriebssystem kauft, nimmt seine Amazon-Bibliothek mit, und selbst im Browser-Fenster am PC gelingt das Schmökern mit dem „Cloud Reader“. Rund 50 000 deutsche Titel sind derzeit bei Amazon im Angebot.

Wer gern in alten Büchern stöbert, sollte einen Blick auf die „British Library 19th Century Books“ werfen. In dieser virtuellen Bibliothek findet man historische Schätze aus allen nur denkbaren Disziplinen, wissenschaftliche Literatur und Belletristik, Skurriles neben Klassikern. Die App ist ebenfalls gratis und bietet in der kostenpflichtigen Variante einen erweiterten Zugriff auf 60 000 Titel im Rahmen eines Abonnements.

Digitalisiertes aus der British Library

Geht es nach dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, ist im vergangenen Jahr „die Schwelle zum E-Book überschritten“. Für 2012 erwartet man eine Verdoppelung oder gar Verdreifachung der Umsätze mit elektronischen Büchern. Derzeit beträgt der Anteil jedoch weniger als fünf Prozent. Es werden also in diesem Jahr maßgebliche Richtungsentscheidungen gefällt. Buchhandelsketten wie Hugendubel, Weltbild, Thalia und andere setzen auf sehr billige E-Book-Reader, die mit ihrer schlechten Verarbeitungsqualität nur wenig Freude bereiten und mit anachronistischen Kopierschutz-Kapriolen gängeln. So fällt die Entscheidung für einen teureren Tablet PC leicht. Er kann deutlich mehr als ein elektronisches Lesegerät, und nach unserer Einschätzung gewinnt am Ende der Anbieter mit einer offenen und bequem zu nutzenden Plattform. So wundert kaum, dass der jüngste Kindle von Amazon, der bislang nur in Amerika erhältliche „Fire“, eine Mischung aus Tablet PC und E-Reader ist.

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