Test: Nokia Lumia 900

Für Nokia gilt das neue Smartphone Lumia 900 als Hoffnungsträger. Es ist das derzeitige Spitzengerät der Finnen und seit einigen Tagen für rund 550 Euro auch in Deutschland erhältlich. Eine LTE-Variante gibt es in Amerika schon seit Februar. Dort wird es hoch gelobt, verkauft sich aber nur schlecht. Das Microsoft-Betriebssystem Windows Phone hat einen verschwindend kleinen Marktanteil von weniger als zwei Prozent, gegen iPhone und Android ist derzeit wohl kein Kraut gewachsen.

Derzeit das Flaggschiff: Nokia Lumia 900 (Foto Hersteller)

Schade, denn wie im Fall des kleineren Lumia 800 sind die Vorteile des jungen Betriebssystems sofort augenfällig. Windows Phone gefällt mit seiner Leichtigkeit und Reduzierung aufs Wesentliche. Der Purismus wird hier auf die Spitze getrieben. Üppig dimensionierte Weißräume stehen für Transparenz und Klarheit, die Menüs sind drastisch reduziert. Bei keinem anderen Smartphone ist die Integration der Netzwerke, insbesondere Facebook, so gelungen wie hier. Daten werden selbsttätig und sicher zusammengeführt, egal, aus welcher Quelle sie stammen. Eins fließt und greift ins andere. Zumindest, wenn es um Personen geht, bei Themen ist Windows Phone 7.5 eher schwach. Anders ausgedrückt: Wer kein „Nerd“ ist und sich auf die wichtigen Dinge beschränkt, wird mit dem Microsoft-Betriebssystem sehr zufrieden sein. Kontakte, Kalender, E-Mail, Facebook und Twitter sind die Stärken von Seiten Microsofts. Nokia wiederum spendiert seine Gratis-Navigation, die zuverlässig und im Einsatz unterwegs ohne Mobilfunk-Datengebühren arbeitet. Denn die Karten für alle Länder der Welt lassen sich vor Reiseantritt unentgeltlich mit Wireless-Lan aufs Gerät laden.

Kinderleichte Bedienung

Die Bedienung des Lumia 900 ist kinderleicht und lässt kaum Fragen offen. Einwände und Probleme sind nur bei manchen Details aufzuzählen. Etwa, dass ein unabdingbares Hotmail- oder Windows-Live-Konto ungefragt und ohne jede Vorwarnung bei der Inbetriebnahme alles synchronisiert. Oder die feste und nicht änderbare Voreinstellung von Microsoft Bing als Suchmaschine für den Internet Explorer. Ferner die fehlende Wochenansicht des Kalenders in Verbindung mit einer Monatsansicht, die einzelne Einträge so winzig wiedergibt, dass man sie beim besten Willen nicht mehr lesen kann. Ein Push-System für neue Nachrichten und Ereignisse fehlt, aber diese werden teils auf dem Startbildschirm automatisch angezeigt oder sind manuell in bestimmten Kontexten abrufbar. Das eingeschränkte Multitasking ist ein Minuspunkt. So ist man etwa bei Skype zur Internettelefonie nur dann für ankommende Gespräche erreichbar, wenn die App zum Zeitpunkt des Anrufs im Vordergrund läuft.

Auch in die rudimentär vorhandene Spracherkennung sollte man keine großen Hoffnungen setzen. Je intensiver man sich mit dem System beschäftigt, desto mehr wird der „Nerd“ enttäuscht: Wie bei allen Windows-Phone-Geräten ist ein Zugriff auf Musik und Fotos im internen Gerätespeicher nicht an jedem PC möglich, auch nicht mit einem USB-Kabel. Für den Austausch von Medien benötigt man unter Windows die unbeliebte Zune-Software von Microsoft, für den Mac gibt es den Windows Phone Connector. Auch der Umweg über das Hotmail- oder Windows-Live-Konto führt nur einen kleinen Schritt weiter. Zwar erhält man üppige sieben Gigabyte Speicherplatz, und es lassen sich einzelne Fotos direkt in das „Sky Drive“ übertragen. Allerdings nur mit reduzierter und heruntergerechneter Auflösung. Die 8-Megapixel-Kamera wird im Unterschied zum Lumia 800 um eine zweite Frontkamera (1 Megapixel) für Videotelefonie ergänzt. Die Hauptkamera bleibt jedoch weit hinter der eines iPhone 4S oder Samsung Galaxy S3 zurück.

Überzeugender ist die Hardware. Das sehr robust wirkende Kunststoffgehäuse ist aus einem Guss gefertigt. An der rechten Seite sind die mechanischen Tasten angebracht, ihre Anmutung lässt etwas zu wünschen übrig. Mit Maßen von 12,8 × 6,8 × 1,2 Zentimeter ist das Lumia 900 deutlich größer als das 800er-Modell, wir meinen: Es ist zu groß. Zudem löst der Bildschirm nicht höher auf, sondern bleibt bei bescheidenen 800 × 480 Pixel. Da kann man auch das Lumia 800 nehmen. Das Amoled-Display mit kräftigen Farben weiß zu gefallen, zumal es auch draußen bei hellem Sonnenschein ordentlich ablesbar ist. 16 Gigabyte Speicher sind fest eingebaut, ein Schacht für Micro-SD-Karten fehlt. Der Akku lässt sich vom Anwender nicht wechseln, und wie beim iPhone 4 und 4S benötigt man die kleine Micro-Sim-Karte. Auf eine Abdeckung für den Micro-USB-Anschluss hat Nokia verzichtet, beim Lumia 800 war sie in der Tat kein Gewinn.

Der Prozessor von Qualcomm mit 1,4 Gigahertz sorgt wie im Lumia 800 für ein ordentliches Arbeitstempo. Dass es sich hier nicht um einen Zweikernprozessor handelt, ist jedenfalls kein Nachteil. W-Lan und Bluetooth 2.1 gehören ferner zur Serienausstattung. Im UMTS-Betrieb sind Datenraten bis 42 MBit/s erreichbar, aus dieser Blickrichtung ist das fehlende LTE kein Beinbruch, und das hohe Tempo lässt sich nun auch anderen Gästen mit dem W-Lan-Hotspot zur Verfügung stellen. Darunter leidet natürlich die Akku-Leistung, die sonst bei typischem Gebrauch rund 25 Stunden beträgt.

Alles in allem ist das Lumia 900 ein schönes Gerät. Aber es zieht den Apple-Fan oder Android-Freak nicht auf seine Seite, und es ist für das Gebotene zu teuer.

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Update: Das Nokia Lumia 900 ist nicht auf Windows Phone 8 aktualisierbar!

 

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