Test: ConnectedDrive im neuen 3er-BMW

Den Gedanken, dass man im neuen 3er-BMW einfach losfährt und sich dann unterwegs mit der Kommunikationstechnik vertraut macht, den schiebe man getrost beiseite. Das volumenstärkste Modell der Bayern bringt gegen Aufpreis nahezu alles mit, was BMW derzeit im Angebot hat: Head-up-Display, Office-Funktionen, Connected Drive, Echtzeit-Staudaten, Verkehrsschilderkennung und jede Menge Apps. Man könnte ein Buch dazu schreiben, denn rund um das Navigationssystem „Professional“ ist quasi ein vollwertiges Computersystem entstanden, das mit einer Fülle von Möglichkeiten und Optionen auftrumpfen will. Es gibt Online- und Offline-Dienste, Anwendungen für die fest verbaute Sim-Karte des Fahrzeugs und weitere, die sich erst nach dem Andocken eines iPhone erschließen.

Das neue Head-up-Display mit liebevoll gezeichneten Details (Fotos Hersteller)

Also eine bunte Mischung aus viel Sinnvollem und manchem Überflüssigen, bisweilen einfach zu bedienen, aber gelegentlich tückisch wie das Programmieren eines Videorekorders vor zehn Jahren. Wir haben uns doch oft geärgert. Etwa, dass nach dem Aufruf von BMW-Apps am Smartphone die Musikübertragung mit Bluetooth neu einzurichten ist. Oder dass man vom Web-Radio ausgehend nicht ins zuletzt angezeigte Menü zurückgehen kann. Ferner über sage und schreibe drei Office-Module an verschiedenen Stellen, die ganz Unterschiedliches bedeuten.

In den Details ist die Hardware im neuen 3er-BMW den Anlagen der großen Brüder wie aus dem Gesicht geschnitten: Den Bordmonitor im Breitbild-Format mit 22 Zentimeter in der Diagonale, den Controller vor der Mittelarmlehne sowie die acht Schnellzugriffstasten kennt man schon aus 5er und 7er. Letztere sind die Rettungsanker für unbedarfte Fahrer. Denn sie lassen sich individuell mit Funktionen belegen und zeigen ihren Status, wenn man leicht mit dem Finger über die Tastenfläche fährt: Taste 1 leitet dann beispielsweise immer nach Hause. Dass die Materialanmutung der Bedienelemente nicht an den 5er oder 7er heranreicht, sei am Rande bemerkt.

Das „Professional“-System mit seinen Hauptmenüs

Das optional erhältliche Head-up-Display ist ein großer Pluspunkt, wenn es um das schnelle Erfassen von Informationen bei minimaler Fahrerablenkung geht. Über der Motorhaube scheinen die Inhalte zu schweben, und die Detailtiefe der Darstellung ist im Vergleich mit der Konkurrenz überragend. Man sieht nicht nur die aktuelle Geschwindigkeit, sondern auch sehr differenzierte Hinweise bei der Routenführung in einer Schemazeichnung. Ferner ist das von Kameras erfasste aktuelle Tempolimit der Verkehrsschilderkennung eingeblendet, und hier arbeitet die Technik deutlich besser als bei anderen Herstellern. Zudem werden Informationen aus der Telefonabteilung in die virtuelle Anzeige eingespielt, etwa der Name des Anrufers bei eingehenden Telefonaten. Auf dem Bordmonitor spielt sich das Geschehen nach den üblichen BMW-Konventionen ab. Bei hellem Sonnenschein spiegelt die stets präsente Anzeige ein bisschen, sie dient auch als Rückfahrmonitor und zeigt die Bilder einer gegebenenfalls vorhandenen Seitenkamera. Die Darstellung lässt sich teilen, ausgehend vom Hauptmenü blättert man die einzelnen Funktionsbereiche auf. Eine vollständige Schilderung aller Funktionen würde den Rahmen sprengen. Wir konzentrieren uns deshalb auf einige Finessen. Zunächst Connected Drive, die Zentrale der Vernetzung. Neben einer Reihe von BMW-Diensten wie Hotline und Notruf-Funktion gibt es zum Nutzen mit der Sim-Karte des Fahrzeugs einen browserbasierten Web-Zugang, der lediglich im stehenden Fahrzeug funktioniert und nicht nur unter der kümmerlichen Darstellung, sondern auch an der fehlenden Eingabehilfe für Web-Adressen leidet. Eine Handschrifterkennung, wie sie Audi für sein MMI-System anbietet, hat BMW zunächst nur für die asiatischen Märkte vorgesehen. Man malt dann die einzelnen Buchstaben auf die Controller-Oberfläche.

Unterwegs sehen, was die anderen im Netz machen: Facebook im 3er-BMW

Während der Fahrt nutzbar, aber stets mit einem Sicherheitshinweis zu bestätigen, ist BMW Online. Hier finden sich Nachrichten, der obligatorische Wetterbericht, eine Google-Sonderzielsuche sowie mehrere Dutzend Apps, die unabhängig vom eigenen Smartphone laufen. Die Anwendungen kann man auf einen personalisierten virtuellen Bildschirm legen. Für einzelne E-Mail-Systeme (etwa AOL oder Googlemail) gibt es die passende App, so dass man ohne weitere Konfiguration nach Eingabe von Benutzername und Kennwort auf seine Nachrichten zugreifen kann, wahlweise lassen sich die Parameter jedoch auch am PC über die Connected-Drive-Seite von BMW erfassen. Neue Post wird (auch während der Fahrt) auf dem Monitor angezeigt, den Text kann man sich mit einer synthetischen Stimme vorlesen lassen, was allerdings bei Links oder aufwendig formatierten Nachrichten oder mit dem Erreichen der Signatur zur Qual wird. Eigene E-Mails lassen sich mit Hilfe von Textbausteinen versenden. Ein BMW-Sammelkonto ist also nicht mehr erforderlich, sämtliche E-Post bleibt in ihren Konten.

Bei der Smartphone-Anbindung bevorzugen die Bayern das iPhone, die BMW-App kann ihre Inhalte auf den Bordmonitor übertragen. Dazu muss das iPhone stets mit Kabel oder Ladeschale angedockt sein, und die App muss im Vordergrund laufen. Hier gibt es dann auch Facebook und Twitter, wir hatten bereits berichtet. Neu ist der Zugriff auf den Kalender des iPhone, aber am besten gefällt uns „Wiki Local“, ein Vorlesedienst, der Sehenswürdigkeiten in der Fahrzeugumgebung automatisch erfasst, die zugehörigen Wikipedia-Einträge anzeigt und vorliest. Diesen Reiseführer haben wir sehr gern genutzt. Wer ein Android-Smartphone im neuen 3er verwenden will, muss sich ein wenig gedulden. Eine erste Android-Anwendung „My BMW Remote“ ist jetzt im „Play Store“ erhältlich, aber sie kann nicht viel.

Die große Kommunikationszentrale im jungen BMW

Für Technikbegeisterte ist der 3er ein Eldorado, keine Frage, und im Touring kommt demnächst die Freitext-Spracherkennung von Nuance dazu …

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