Rohdatenformate einer aktuellen Kamera im “alten” Photoshop öffnen

Wer eine neue Kamera und eine ältere Photoshop-Software am PC oder Mac einsetzt, kennt das Problem: Aufnahmen im Rohdatenformat, bei Nikon zum Beispiel mit der Endung NEF (Nikon Electronic Format), lassen sich nicht in den Photoshop laden, es gibt eine Fehlermeldung.

Abhilfe 1: Man prüfe, ob der aktuelle Photoshop die jeweilige Kamera und ihr Rohdatenformat unterstützt und erwerbe ein Update.

Abhilfe: 2: Man lade den unentgeltlich von Adobe bereitgestellten Adobe DNG Converter. DNG ist ein offenes Archivformat. Die konvertierten DNG-Dateien lassen sich anschließend auch in einem älteren Photoshop öffnen und bearbeiten. Die Software findet sich hier

http://www.adobe.com/products/dng/

für Mac OS und Windows.

Lesen und Arbeiten mit dem iPad (2)

Dass das Lesen von digitalen Büchern mit einem Tablet PC sehr ordentlich funktioniert, hatten wir unlängst beschrieben. Für das iPad gibt es unterschiedliche Apps, die nicht nur den Zugriff auf das Buchangebot von Apple erlauben, sondern auch den weitaus größeren Bestand von Amazon auf den Flachrechner holen. Es bleiben die Nachteile eines Tablet PC: Er ist schwerer als ein E-Book-Reader, er verwendet nicht die fürs Auge angenehme „elektronische Tinte“, und seine Akkulaufzeit ist kürzer.

Hier geht es nun um das Lesen von aktuellen Nachrichten mit dem Tablet PC. Die richtigen Apps sind entscheidend, und man muss einige Umwege gehen. Denn das Lesen mit dem Internetbrowser des iPad kann schnell anstrengend werden. Viele Seiten werden auf dem kleinen Display nicht ordentlich dargestellt, Werbung und Navigationsleisten stören mehr als am PC-Monitor, und zum Speichern oder Drucken gibt es nur rudimentäre Lösungen.

Wer oft von einer Seite zur anderen springt, also unterschiedliche Nachrichtenquellen von faz.net über Heise.de bis hin zu einzelnen Blogs im Blick haben will, greift doch wieder zum Notebook. Oder entwickelt einen besseren „Workflow“ mit RSS-Feeds. RSS heißt „Really Simple Syndication“ und ist ein seit vielen Jahren bestehendes Internetprotokoll. Man kann es sich wie eine besonders schlanke Variante der gewohnten www-Seiten vorstellen: kein Ballast, kaum Grafiken, wenig Werbung.

Ausgangspunkt: Google Reader sammelt RSS-Feeds (Fotos Spehr)

Alle wichtigen Internetseiten sind auch in einer RSS-Variante abrufbar, und man nutzt dazu ein besonderes Leseprogramm, einen RSS-Reader. Diese Software zeigt dann neue Artikel – beispielsweise auf den großen Nachrichten-Portalen – wie eine E-Mail-Liste. Untereinander sind ordentlich die aktuellen Themen mit ihren Schlagzeilen aufgeführt. Man muss nicht lange surfen, sondern sieht in diesem „Feed“ sofort die Neuheiten wie die Betreffzeilen der E-Mail. Interessiert das Thema, klickt man auf die Zeile, und schon erscheint entweder ein Artikel-Vorspann oder das Original aus dem Netz. RSS stellt also quasi die Überschriften und Anreißer von Nachrichtenseiten parat, und wer sich fortwährend durch das Dickicht Hunderter von www-Seiten schlägt, kommt damit schneller voran.

Um RSS auf dem iPad zu nutzen, muss man den Umweg über den Google Reader am PC gehen, der wiederum zu einem Google-Mail-Konto gehört und, einmal eingerichtet, unabhängig von Gerät und Standort überall funktioniert. Um beispielsweise den RSS-Feed von faz.net zu abonnieren, gibt man im Reader am PC unter „Abonnieren“ die Zeile „faz.net“ ein, und schon sieht man alle aktuellen Artikel.

Der zweite Schritt: Fürs iPad kaufe man die App „Reeder“ von Silvio Rizzi, die 2,39 Euro kostet und auch auf dem iPhone läuft. Hier gibt man in den Einstellungen das betreffende Googlemail-Konto an, das ist schon alles. Der Reeder greift auf die RSS-Daten zu und erlaubt mit wenigen Fingerbewegungen ein flüssiges Navigieren durch einzelne Nachrichtenkanäle.

Für jeden Nachrichtenstrom gibt es eine eigene Kachel im Hauptbildschirm

Konventionell ist der Reeder bestenfalls in der Anordnung von Nachrichtenübersicht links und den Inhalten rechts auf dem Bildschirm. Alle wichtigen Funktionen lassen sich schnell aufrufen, man kann einzelne Beiträge markieren, weiterleiten oder mit anderen teilen (etwa über Twitter). Optisch hält sich diese App dezent im Hintergrund, man sieht viel von den Inhalten, und insgesamt ergibt sich damit ein ganz neues Leseerlebnis. Schon nach kurzer Zeit stellt man fest: Mit dieser App arbeitet man auf dem iPad schneller als am PC. Und da alles stets in der Cloud synchronisiert ist, kann man unterwegs in der Bahn auf dem iPhone weiterlesen – oder am PC im Fenster des Google Readers. Der Datenabgleich erfolgt fortwährend und automatisch.

Übersicht: Schlagzeilen links, Inhalte rechts

Geht es um das Weiterbearbeiten oder Archivieren von Artikeln, können wir eine zweite App uneingeschränkt empfehlen. Sie speist ihr Funktionsprinzip aus der Erfahrung, dass man tagsüber im Netz zwar viel Interessantes sieht, aber nicht immer die Zeit und Muße für die Lektüre hat. Hier setzt Instapaper von Marco Arment an: Man markiert wichtige Artikel zum Späterlesen, und sie werden gebündelt im eigenen Instapaper-Account zusammengefasst. In mehrfacher Hinsicht ist Instapaper genial: Man kann sowohl am PC im Internetbrowser wie auch in ungezählten Apps fürs iPhone oder iPad eine solche Lesemarkierung setzen. Nicht nur im oben erwähnten Reeder, sondern auch in Nachrichten-Apps wie Flipboard, Zite, Pulse oder in Twitter-Software wie Hootsuite und Seesmic. Und in der Instapaper-App (die 3,99 Euro kostet) werden die eigenen Lieblingsartikel besonders lesefreundlich aufbereitet, nämlich von sämtlichem Ballast wie Werbung, Kopfzeilen und Navigationsleisten befreit.

Instapaper, die Sammelstelle zum Späterlesen

Übrig bleibt der reine Text, und damit bietet sich dann eine weitere Verknüpfung geradezu an: Die gesammelten Inhalte lassen sich an einen E-Book-Reader wie den Kindle von Amazon schicken. Synchronisiert wird einmal am Tag drahtlos mit Amazons „Whispernet“, das mit Wireless-Lan oder Mobilfunk funktioniert. Am PC wiederum kann man den Lesestoff in Ordner verteilen oder archivieren, beispielsweise als HTML-Datei. Die App „Read it later“ arbeitet übrigens ganz ähnlich.

Alles in allem entsteht aus der Kombination von Google Reader, der Reeder-App und Instapaper ein sehr effektiver Arbeitsablauf beim Manövrieren durch unterschiedliche Nachrichtenseiten. Der Unterbau von Google sammelt die Inhalte, Reeder ist die Kommandobrücke für den Lesewütigen. Schließlich bündelt und archiviert Instapaper, was man behalten möchte.

Lesen und Arbeiten mit dem iPad (1)

Man kann natürlich den Untergang des Abendlandes oder zumindest der jahrhundertealten europäischen Buchkultur beschwören, wenn es um elektronische Bücher oder das Lesen auf einem Tablet PC geht. Es fehlt eben vieles: Der haptische und sinnliche Eindruck, wenn man ein Buch in die Hand nimmt, eine liebevoll gestaltete Typographie, das schnelle Blättern und die Möglichkeit, ein Lesezeichen mit Eselsohr zu setzen. Wer es als Autor gewohnt ist, Dutzende von Büchern aufgeschlagen auf, neben und unter dem Schreibtisch liegen zu haben, flink von einem zum anderen zu wechseln, und dabei im Kopf hat, dass das gesuchte Zitat im ersten Viertel des Buches links unten auf der Seite steht und mit Bleistift markiert ist, der liegt hier völlig falsch.

Schon der Wechsel von einem digitalen Buch zum nächsten dauert deutlich länger als der gewohnte Handgriff in der realen Welt. Elektronische Bücher sprechen also Nutzer an, die ihre Bücher nacheinander “weglesen”, etwa Pendler. Und dann das Elend der digitalen Rechteminderung (DRM). Man erwirbt keine E-Books, man kann sie nach der Lektüre nicht verkaufen oder verschenken, sondern erhält allein die Lizenz zum Lesen, die an einen Account gebunden ist.

Lesen auf dem iPad wie das iPad und andere Apple-Produkte entstanden sind (Fotos Spehr)

Während die Buchhändler ihre kleinen E-Book-Reader mit aller Macht in den Markt drücken, haben wir das Lesen am iPad während der Weihnachtsferien ausgiebig erprobt: Die opulente Steve-Jobs-Biographie von Walter Isaacson und ein nicht weniger umfangreicher Roman wurden rein elektronisch konsumiert. Im Unterschied zu einem Reader kommt bei Apples Flachcomputer nicht die stromsparende E-Ink-Displaytechnik mit extrem hohen Kontrasten zum Einsatz, sondern eine gewöhnliche Flüssigkristall-Anzeige mit eigener Beleuchtung. Die anfängliche Skepsis, ob damit stundenlanges Lesevergnügen ohne Kopfschmerzen überhaupt möglich ist, stellte sich als unbegründet heraus. Zugegeben: Bei hellem Sonnenschein ist man mit dem iPad schlecht beraten, auch stört, je nach Leseposition und Beleuchtung, manche Reflexion und Spiegelung. Dass das iPad mit seinen 600 Gramm schwerer als die meisten elektronischen Lesegeräte ist und sein Akku nur rund zehn Stunden durchhält, sind weitere Minuspunkte.

Aber auf dem heimischen Sofa macht das Ganze durchaus Spaß. Für das iPad stehen unterschiedliche Lese-Apps zur Verfügung. Die zum Betriebssystem gehörende iBooks-Software von Apple ist mit dem eigenen iTunes-Konto verknüpft, und man liest, was Cupertino im Angebot hat. Im Herbst sprach Apple von 25 000 deutschsprachigen Titeln, mittlerweile sind es deutlich mehr. Je populärer ein Buch, desto wahrscheinlicher ist es hier anzutreffen. Bei allen elektronischen Büchern gilt in Deutschland die Preisbindung. Aber für die Lizenz zum Lesen zahlt man 10 bis 20 Prozent weniger als für das gedruckte Werk.

Der Charme von iBooks gründet nicht nur in seiner tiefen Integration in das iOS-Betriebssystem und die iTunes-Medienbibliothek. Die App ist nett und schnörkellos gestaltet, verschiedene Bildschirmschriften und Hintergrundfarben stehen zur Verfügung, und man kann die Display-Helligkeit für die App individuell einstellen. Mit einer optional einblendbaren Navigationsleiste sieht man die ungefähre Leseposition im Buch. Seitenzahlen zum Zitieren gibt es allerdings nicht, weil der Text abhängig von der Schriftgröße umbrochen wird. Man muss also auf ein Kapitel verweisen. Zu den kleineren Extras gehört die Suchfunktion sowie die Möglichkeit, Fremdwörter schnell in Online-Lexika oder der Wikipedia nachschlagen zu können. Ferner lassen sich Notizzettel an einzelne Passagen anhängen.

Das in Deutschland weit verbreitete Epub-Format für elektronische Bücher wird von iBooks ebenfalls unterstützt. Epub basiert auf XML und kann mit geringem Aufwand von jedermann erstellt werden (etwa mit Calibre). Die Strukturen und Spezifikationen sind frei einsehbar. Epub ist ein besonders kompaktes Format und erlaubt einen dynamischen Zeilen- und Seitenumbruch unabhängig von der jeweils eingestellten Textgröße. Allerdings versteht iBooks nur “Epub pur” ohne digitale Rechteminderung. Es lassen sich also allein die gemeinfreien Epubs mit iBooks auf dem iPad installieren.

Bücher lesen ohne Bücher: Tablet-PC wie das iPad machen es möglich

Die kommerziellen Titel des deutschen Buchhandels im Epub-Format sind stets mit der DRM-Technik von Adobe versehen. Das umstrittene Kopierschutzsystem “Digital Editions” ist an jeweils einen einzigen PC gebunden, der mitsamt seiner einzelnen Hardware-Komponenten von Adobe überwacht wird. Um ein Epub-Buch mit Adobes DRM auf dem Apple-Gerät zu lesen, benötigt man die Gratis-App Bluefire und ein Adobe-Konto mit den entsprechenden Nutzungsrechten. Das alles ist sehr kompliziert, bringt aber einen großen Pluspunkt: Mit Bluefire lässt sich die digitale “E-Ausleihe” vieler Bibliotheken nutzen. Mit dem Bibliotheksausweis und seinem Kennwort kann man digitale Werke direkt am iPad laden und im Bluefire-Leser öffnen. Ein Verzeichnis der Bibliotheken, die dieses Verfahren anbieten, findet sich unter www.onleihe.net. Allerdings sollte man nicht damit rechnen, dass jedes Buch seiner Bibliothek schon elektronisch zur Verfügung steht. Die Stadtbibliothek Frankfurt hat beispielsweise nur 3000 elektronische Titel im Angebot. Ein zweiter Vorteil von Bluefire: Direkt aus der App heraus lassen sich ungezählte gemeinfreie Epubs aus verschiedenen Quellen auf das iPad laden. Eine der bekanntesten Anlaufstellen ist feedbooks.com.

Gut zu lesen: Der Bluefire Reader unterstützt auch PDF

Geht es um mehr Auswahl, ungetrübten Lesespaß unabhängig von der Hardware sowie flexible Nutzung, ist Amazon mit seinem Kindle-Buchladen die klare Nummer 1. Seit dem Marktstart des ersten Kindle-Lesegeräts vor vier Jahren hat der amerikanische Versandhändler sein “Ökosystem” rund um das Lesen in vielfacher Weise ausgebaut. Hier greift nahtlos eins ins andere, und der Kopierschutz der elektronischen Bücher im proprietären Amazon-Format bleibt für den Nutzer unsichtbar. Man kann auf der Amazon-Internetseite mit einem Mausklick neue Titel kaufen, und diese werden dann automatisch ohne weitere Kosten an verknüpfte Amazon-Geräte und -Apps übertragen. Um seine Einkäufe auf dem iPad zu lesen, benötigt man allein die gratis bereitgestellte Amazon App, die wie Apples iBooks aufgebaut ist und ähnlichen Komfort bietet.

Der Gewinn ist jedoch die Plattform-Unabhängigkeit: Im Urlaub kann man problemlos auf einem Kindle-E-Book-Reader weiterlesen. Der Akku des Kindle hält länger durch, und die Anzeige ist dank “elektronischer Tinte” auch bei hellem Sonnenschein am Strand bestens ablesbar. Wer einen Tablet PC mit Android-Betriebssystem kauft, nimmt seine Amazon-Bibliothek mit, und selbst im Browser-Fenster am PC gelingt das Schmökern mit dem “Cloud Reader”. Rund 50 000 deutsche Titel sind derzeit bei Amazon im Angebot.

Wer gern in alten Büchern stöbert, sollte einen Blick auf die “British Library 19th Century Books” werfen. In dieser virtuellen Bibliothek findet man historische Schätze aus allen nur denkbaren Disziplinen, wissenschaftliche Literatur und Belletristik, Skurriles neben Klassikern. Die App ist ebenfalls gratis und bietet in der kostenpflichtigen Variante einen erweiterten Zugriff auf 60 000 Titel im Rahmen eines Abonnements.

Digitalisiertes aus der British Library

Geht es nach dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels, ist im vergangenen Jahr “die Schwelle zum E-Book überschritten”. Für 2012 erwartet man eine Verdoppelung oder gar Verdreifachung der Umsätze mit elektronischen Büchern. Derzeit beträgt der Anteil jedoch weniger als fünf Prozent. Es werden also in diesem Jahr maßgebliche Richtungsentscheidungen gefällt. Buchhandelsketten wie Hugendubel, Weltbild, Thalia und andere setzen auf sehr billige E-Book-Reader, die mit ihrer schlechten Verarbeitungsqualität nur wenig Freude bereiten und mit anachronistischen Kopierschutz-Kapriolen gängeln. So fällt die Entscheidung für einen teureren Tablet PC leicht. Er kann deutlich mehr als ein elektronisches Lesegerät, und nach unserer Einschätzung gewinnt am Ende der Anbieter mit einer offenen und bequem zu nutzenden Plattform. So wundert kaum, dass der jüngste Kindle von Amazon, der bislang nur in Amerika erhältliche “Fire”, eine Mischung aus Tablet PC und E-Reader ist.

Fünf Finger für Windows 8

Auf der CES in Las Vegas konnten wir sie bereits in die Hand nehmen und für kurze Zeit ausprobieren: Die ersten Tablet PC mit Windows 8. Da prickelt es schon, wenn aus dem Flachrechner mit einem Fingerwisch ein vollwertiges Arbeitsgerät wird, auf dem unter anderem Outlook läuft. Der Tablet wird erwachsen, könnte man sagen, er verspricht einen gewissen Mehrwert.

Vor einigen Wochen hat Microsoft die Richtlinien für diese neue Gerätegattung vorgestellt. Alle Hardwarehersteller und Entwickler müssen die bis ins Detail aufgeführten Bedingungen erfüllen. Demnach hat ein Windows-8-Tablet mindestens eine Bildschirmauflösung von 1366 × 768 Pixel. Die zwangsläufig sehr breiten Geräte sind damit für die Wiedergabe von HD-Filmen bestens gerüstet. Mindestens 10 Gigabyte freier Speicher stehen ferner im Pflichtenheft, Sensoren aller Art kommen dazu, und Bluetooth muss in der aktuellen Version 4.0 implementiert sein. Aber die Regulierungswut von Microsoft geht noch weiter. Es gibt Vorschriften zur Lage und Anordnung der einzelnen Tasten, und der berührungsempfindliche Bildschirm muss in der Lage sein, die Gesten von mindestens fünf Fingern zu erkennen, die sich gleichzeitig auf dem Display bewegen. Man kann sich darüber amüsieren, keine Frage.

Erfahrene Marktbeobachter sehen jedoch verblüffende Parallelen zu Windows Phone 7, dem jungen Microsoft-Betriebssystem für Smartphones. Auch hier haben die Amerikaner den „Basteleien“ der unterschiedlichen Hersteller einen Riegel vorgeschoben. Mit strengen Regeln will man dafür sorgen, dass der Nutzer einen stimmigen und konsistenten Eindruck erhält, der nicht durch weitere Zutaten verwässert oder verändert wird. Windows Phone 7 ist zwar nicht erfolgreich. Aber mit einem Blick auf die Fragmentierung in der Android-Welt kann man das enge Korsett von Microsoft nur begrüßen.

Semantik und Anthropomorphisierung: Worauf der Erfolg von Apples Siri basiert

“Alles spricht dafür, dass es Schokolade ist”, antwortet Siri auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Wenn sie etwas gesprächiger ist, hört man auch: “Das ist einfach: Es ist eine philosophische Frage über den Zweck und die Bedeutung des Lebens oder der Existenz im Allgemeinen.” Diese Anekdoten über die Sprachbedienung des neuen iPhone 4S machen derzeit die Runde. Siri gilt als Revolution, als tolle Erfindung aus dem Hause Apple. Aber was steckt wirklich dahinter?

Wenn es um die Erkennung von Sprache geht, darf man zunächst festhalten, dass die Technik nicht neu ist. Spracherkennung am PC gibt es seit mehr als zehn Jahren, für Smartphones seit mindestens fünf. Sie führte allerdings nur eine Nischenexistenz. Ärzte und Anwälte diktieren, weil es schneller geht als die manuelle Texteingabe. Zeit und Geld sind die wichtigste Motivation, sich mit einer Technik auseinanderzusetzen, die als sperrig gilt. Denn so locker und lässig wie mit Siri funktioniert das Ganze am PC nicht.

Es sind also bestimmte “Zutaten”, mit denen Apple nun auftrumpft. Das sind an erster Stelle die kleinen Sperenzchen, wie etwa die Möglichkeit, nach der Wettervorhersage für eine bestimmte Stadt fragen zu können. Was nach Spielerei aussieht, hat jedoch Sinn. Es ist nicht nur der Kunstgriff des Anthropomorphismus, der Siri menschliche Eigenschaften zusprechen soll. Apple macht vor allem den Einstieg in eine Technik einfach, die für die meisten Nutzer fremd ist. Wie wichtig dieser saloppe Anfang ist, weiß man spätestens bei der Inbetriebnahme einer professionellen Software wie Dragon Naturally Speaking. Hier ist eine Hürde zu nehmen, nämlich das Erstellen eines persönlichen Benutzerprofils durch ein längeres Probediktat. Erst danach stellen sich Erfolgserlebnisse ein. Bei Siri ist es genau umgekehrt: Zunächst spielt man, dann entsteht der Wunsch nach “mehr”.

Nach der Suchmaschine: Siri gibt Antworten (Foto Spehr)

Der zweite Vorzug der Apple-Lösung ist die semantische Analyse, die in der Tat als Alleinstellungsmerkmal gelten darf. Diktiert man einem neuen Windows-Smartphone “Neuer Termin übermorgen um 10 Uhr mit Max Muster”, wird es unter guten Bedingungen das Gesagte fehlerfrei transkribieren und auf dem Display anzeigen. Aber es kann mit dem Inhalt nichts anfangen – und startet hilflos eine Internetsuche nach dem Text in Anführungszeichen. Kein besonders pfiffiges Verfahren. Siri hingegen erstellt einen Terminvorschlag mit dem Teilnehmer Max Muster und setzt das “übermorgen” automatisch in ein Kalenderdatum um. Siri funktioniert zwar nur in gewissen Grenzen. Aber die inhaltliche Auswertung des Gesagten zeigt überdeutlich in eine Richtung, die traditionelle Spracherkenner bisher nur in Ansätzen genommen haben: Das Zulassen von Variabilität bei Eingaben und Kommandos. Damit wird der Vorhang aufgerissen für ganz neue Möglichkeiten der Spracherkennung. Herkömmliche Systeme fokussieren sich auf die Identifizierung des Gesagten, die möglichst hohe Erkennungsleistung steht im Vordergrund. Mit diesem Ansatz erzielt man wunderbare Ergebnisse bei der Erfassung von längeren Texten. Aber es gelingen einfachste Dinge nicht – oder nur auf Umwegen. Das Erstellen eines Outlook-Kalendereintrags in der übernächsten Woche am Mittwoch wird selbst der geübte Dragon-Experte an seinem PC nicht ohne Blick auf den Papierkalender absolvieren können. Denn der Drachen kann “übernächste Woche Mittwoch” nicht in ein Datumsformat umsetzen. Mit Siri wird die Übung dank semantischer Analyse zu einem Kinderspiel.

Nun fragt man sich natürlich, warum andere Entwickler nicht früher auf solche Ideen gekommen sind. Es ist jedoch nicht Apples Klugheit, sondern die Geschlossenheit seines Ökosystems, die einen Geniestreich wie Siri ermöglichte. Eine PC-Software wie Dragon muss sich nicht nur auf drei verschiedenen Windows-Plattformen behaupten, sondern arbeitet auch mit nahezu jedem Kalender-System zusammen, mit einem älteren oder neueren Outlook, aber auch mit ungezählten anderen Programmen und sogar einem Kalender, der allein im Web-Browser läuft.

Gleiches gilt für Wettervorhersage, E-Mail, Notizen und anderes: Was auf dem PC zerfasert und in ganz unterschiedlichen Varianten vorliegt, ist auf dem iPhone in einer fest definierten Systemarchitektur implementiert. Und von dieser oft kritisierten Monokultur profitiert die Sprachbedienung ungemein. Sie kann Erkanntes einzelnen Modulen zuordnen und verheddert sich nicht in der Vielfalt unterschiedlicher und in den Details inkompatibler Verwaltungssysteme. Selbst wenn Dragon Naturally Speaking von seinem Hersteller um ein Semantikmodul ergänzt werden würde, wüsste es noch nicht, ob bei “sage Klaus, ich bin gleich da” eine Chat-Meldung, eine Facebook-Nachricht oder eine E-Mail gemeint ist.

Der dritte Pluspunkt von Siri ist die aktive Recherche. Wir sind es gewohnt, dass ein Computer nach einer Eingabe mit einer definierten Ausgabe reagiert. Die Google-Suchmaschine gibt beispielsweise eine Handvoll Links aus – mehr nicht. Nun muss der Nutzer sortieren, einordnen und auswählen, welche Ergebnisse zur Beantwortung seiner Anfrage relevant oder sinnvoll sind. Siri hingegen gibt Antworten. Nicht durchgängig, aber zumindest tendenziell, und vor allem in der amerikanischen Version weitaus öfter als in der deutschen. Der dritte Präsident der Vereinigten Staaten war Thomas Jefferson, und das weiß das amerikanische Siri dank einer Abfrage der Datenbanken von Wolfram Alpha. Die gleichlautende Google-Suche bringt an erster Stelle nur eine Liste der Präsidenten der Vereinigten Staaten hervor, auf dass man selbst klicke und nachsehe. Dieser zunächst klein erscheinende Unterschied wird ein großer, je komplexer die Fragen und je besser die Antworten Siris werden. Google sieht plötzlich sehr alt aus, zumal Siri auch gelegentlich Rückfragen stellt, um den Gegenstand weiter einzukreisen. Das alles wird die Technik des Suchens nicht nur auf Mobilgeräten grundlegend ändern. Das Hilfsmittel “Suchmaschine” hat sich überlebt.

Siri führt einem breiten Publikum vor Augen, dass die Spracherkennung den Erwartungshorizont der um sie rankenden Utopien schon lange erreicht hat. Im täglichen Einsatz mit dem iPhone 4S ändert sich einiges: Man ist mit dem Diktieren fast immer schneller und besser bedient als mit fingerfertigen Übungen auf dem Display. Die Frage ist nicht mehr, ob und wie gut die Technik funktioniert, sondern ob man gewillt ist, in aller Öffentlichkeit oder zumindest im Büro mit seinem iPhone zu sprechen. Es geht allein um die soziale Akzeptanz. Wer die Idee für abstrus hält, denke zurück an eine Bürowelt ohne Telefone im 19. Jahrhundert.

Auch am PC wird sich die Spracherkennung ändern. Dragon-Hersteller Nuance ist schon jetzt dabei, sein schweres Flaggschiff leichter bedienbar zu machen, ein “Dragon Express” für den Mac wurde unlängst in den Vereinigten Staaten vorgestellt. Am Ende benötigt ein sprachbedienter Computer jedoch unabdingbar ein neues Betriebssystem, das sich stärker auf die Inhalte fokussieren und den lästigen Verwaltungsunterbau, der unsere heutigen PCs aus historischen Gründen prägt, weitgehend ausblenden wird. Darin wird in der Rückschau der Erfolg von Siri liegen.

Allzeit vernetzt: Twitter und Facebook im Auto

Muss der Autofahrer sozial vernetzt sein?

Twitter und Facebook steigen ins Auto ein. Auch der Fahrer soll davon profitieren. Über Sinn und Unsinn kann man trefflich streiten.

Dass im Auto der Zukunft auch die sozialen Netzwerke mitfahren, gilt nach der IAA als Selbstverständlichkeit. Alle großen Hersteller bringen das Internet ins Fahrzeug. Aber die BWM-Gruppe und Mercedes-Benz sind die ersten mit Twitter und Facebook an Bord. Der Nachrichtenstrom aus beiden Diensten wird in die vorhandene Kommunikationstechnik integriert. Twitter-Meldungen und Facebook-Nachrichten erscheinen auf dem Display von iDrive und Comand Online, und zwar so, dass auch der Fahrer davon profitiert – und aktiv am Geschehen partizipieren kann.

Das alles hört sich zunächst nach Provokation an. Eine zusätzliche Spielerei, die vom Verkehrsgeschehen ablenkt und dazu führt, dass mancher unachtsamer fährt, lautet ein erster und wichtiger Einwand. Unfälle durch das Schreiben von SMS während der Fahrt werden derzeit in den Vereinigten Staaten mit der Forderung „don’t text and drive“ diskutiert. Facebook und Twitter sind „textlastige“ Medien. Sie erfordern eine höhere Aufmerksamkeit als das nebenbei laufende Radio. Wo liegt hier der Fortschritt?

iDrive und Twitter: Das Beispiel BMW (Fotos Hersteller, Spehr)

Diese zutreffenden Argumente prallen jedoch an der Realität ab: Gerade die junge Generation will ihren digitalen Lebensstil nahtlos im Fahrzeug fortsetzen. Das Auto als kommunikationsfreie Offline-Zone ist eine undenkbare Vorstellung. Man will auch unterwegs allzeit vernetzt an den Aktivitäten seiner Freunde teilhaben. So wundert kaum, dass ungeachtet aller Verbote und mahnenden Hinweise eben doch mit dem Smartphone herumgespielt wird. Angesichts kleinteiliger Apps, bei denen man mit dem Finger auf winzige Schaltflächen tippen muss, ist die Ablenkung immens.

So gesehen kann eine behutsame Einbindung von Internetdiensten sicherer machen, was ohnehin nicht mehr zu verhindern ist. Und wer nach noch strengeren gesetzlichen Vorschriften ruft, müsste konsequenterweise auch vieles andere Ablenkende unterbinden, die Beispiele sind Legion. Zudem ist es unklug, Twitter und Facebook gleich als Reizthema zu dämonisieren. Man prüfe doch zunächst, ob sich nicht auch Vorteile aus der Fahrzeugintegration ergeben können. Wenn etwa der Junior am Samstagabend unterwegs ist und seine Clique von einem Club zum nächsten zieht, kann es einfacher sein, über Facebook Places und das entsprechende „Einchecken“ der Freunde zum Ziel geführt zu werden als mit Telefongesprächen, Suche nach der Location im Navi-System und mehrfachen Rückfragen, wenn der angesagte Club ganz neu und als Sonderziel dem Kopiloten noch nicht bekannt ist.

Ins Comand-Menü eingebunden: Facebook bei Mercedes-Benz

Ein erster Blick auf die neuen Systeme und ihre Leistungsfähigkeit kann also manche Bedenken aus dem Weg räumen. Die BMW-Gruppe bietet Facebook und Twitter bereits seit einigen Monaten an, wir haben die Technik im 5er BMW mit iDrive und im Mini mit Mini Connected ausprobiert. Bei Mercedes-Benz zieht zunächst Facebook vom November an in die neue B- und M-Klasse ein, Twitter kommt später, und das Ganze funktioniert ausschließlich in Verbindung mit Comand Online. Die gute Nachricht: Ist die aktuelle Ausbaustufe des Comand-Systems bereits vorhanden, etwa in der neuen C-Klasse, wird das Facebook-Modul im November automatisch und unentgeltlich freigeschaltet, ein Werkstattbesuch ist nicht erforderlich.

Und damit ist gleich die erste Frage aufgeworfen: Wie kommen die sozialen Netzwerke ins Fahrzeug? BMW setzt auf Smartphone-Apps als Zuarbeiter für die bestehenden Bordsysteme. Das iPhone enthält die Software, alle Benutzereinstellungen und individuellen Vorgaben. Der Monitor des Fahrzeugs wiederum gibt die Inhalte wieder, auch die Bedienung erfolgt mit der im Auto vorhandenen Infrastruktur. Die Idee hat Charme: Eine App ist schnell aktualisierbar, jeder Smartphone-Besitzer kennt die Prozedur. Was man zu Hause eingerichtet hat, nimmt man bequem mit ins Fahrzeug. Aber die Lösung für BWM und Mini funktioniert derzeit nur mit dem iPhone von Apple, alle anderen Geräte bleiben außen vor.

Die iPhone-App als Zentrale: Das Beispiel Mini

Eine ähnliche Einschränkung gibt es auch bei Mercedes-Benz, obwohl die Systemkonzeption eine andere ist: Smart muss das angedockte Phone nicht sein, es wird allein als Datenlieferant benötigt, denn die Apps laufen geräteunabhängig in Comand Online. Das Telefon wird über Bluetooth-Tethering mit dem Dun-Protokoll angedockt. Der Nachteil dieser Idee ist die eingeschränkte Verfügbarkeit des an sich schlichten „Dial-up Networking Profile“ (Dun) für die Interneteinwahl. Das iPhone und fast alle Androiden unterstützen kein Dun, man ist auf einen Blackberry oder ein älteres Nokia angewiesen.

Beide Wege machen es dem Kunden von BMW oder Mercedes-Benz in einer Hinsicht leicht: Es gibt keine Fummelei mit Sim-Karten und kein Wirrwarr bei den Mobilfunkverträgen. Man verwendet sein Mobiltelefon, am besten mit Datenkontingent, muss sich um nichts kümmern, und nichts ändert sich. Das im Fahrzeug anfallende Datenvolumen wird über die gewohnte Rechnung tarifiert.

Facebook Pinwand: So sieht das bei Comand Online aus

Im BMW und Mini starteten wir mit dem Laden der zugehörigen App auf dem iPhone und konfigurierten Facebook und Twitter. Im Auto wird das Smartphone mit einem Kabel angebunden, und schon tauchen die Apps im Bordsystem in einem Menü auf. Bedient wird das Ganze mit dem Controller, und bei beiden Fahrzeugen fügt sich die App-Welt stringent in die übrige Kommunikationslandschaft ein. Zunächst ein Blick auf Facebook: Die BMW-Apps zeigen auf dem Display den gesamten aktuellen Strom der Einträge von Freunden auf der Pinwand. Mit einem Controller-Klick kann man einzelnen Beiträgen ein „Gefällt mir“ geben – und die Meldungen lassen sich mit einer synthetischen Stimme vorlesen. Auch die Fotos der Freunde sind sichtbar. Eine Filterfunktion fehlt ebenso wie der Zugriff auf die Facebook-Mail oder Places (Orte) und Einladungen.

Twitter-Timeline bei BMW

Das neue Mercedes-System für Facebook konnten wir noch nicht in der Praxis erproben und verlassen uns auf die Angaben des Herstellers. Facebook ist demnach wie die Google-Suche und der Web-Browser in das karussellförmige Online-Menü von Comand integriert. Einmalig sind die Facebook-Zugangsdaten im Fahrzeug mit dem Controller einzugeben, anschließend erscheint eine auf den mobilen Einsatz zugeschnittene Startseite, die weitaus mehr zeigt als den Nachrichtenfluss der Neuheiten. Sie erlaubt nicht nur den Zugang auf die Pinwand, sondern auch auf Orte, Freundschaftsanfragen und Einladungen. Ein Ausrufezeichen hinter dem Menüeintrag weist auf Neues hin. Mit dieser Funktionalität geht Mercedes einen Schritt weiter als BMW, die Verbindung zu den Facebook-Freunden ist enger. Aber es gibt auch hier etliche Einschränkungen: Einträge kann man nicht vorlesen lassen, längere Texte werden zur Vermeidung von Ablenkung nach 150 Zeichen abgeschnitten, Facebook-Mail ist nicht darstellbar.

Verlinkungen auf andere WWW-Seiten sind in den sozialen Netzwerken das A und O. Der Platz ist knapp, bei Twitter sind maximal 140 Zeichen erlaubt, bei Facebook etwas mehr als 400. Also setzt man Links auf WWW-Seiten, wenn es um längere Beiträge geht. Hier müssen beide Systeme passen: Links lassen sich nämlich nicht anklicken und beispielsweise mit einer Online-Verbindung als Website aufrufen. Der Browser in den jeweiligen Fahrzeugen ist zu schwachbrüstig, und das Lesen einer zwangsläufig sehr kleinen Schrift auf dem Monitor wäre wohl nicht zumutbar.

BMW und Mercedes erlauben gleichwohl das Absetzen eigener Meldungen während der Fahrt. Nicht etwa, dass man mit dem Controller einen Buchstaben nach dem anderen in einem Textfeld eingeben müsste. Vielmehr stehen dafür Textbausteine zur Verfügung, die man bei BMW am iPhone selbst bearbeiten oder erstellen kann. Clever: Man kann bei beiden Herstellern Dutzende von Variablen einbauen, deren Inhalt automatisch vom Fahrzeug bezogen wird. So lässt sich etwa die Außentemperatur, der beim Navi eingegebene Zielort, die aktuell gespielte Musik, der eigene Standort und vieles mehr automatisiert in die Nachricht einsetzen.

Abschließend ein Blick auf Twitter bei BMW und Mini. Hier werden alle eingehenden Beiträge angezeigt, und damit ist klar: Wer vielen Menschen folgt, hat von der Fahrzeugintegration nur wenig. Man ertrinkt in der Flut der Meldungen. Einzelne Tweets lassen sich im Vollbildmodus aufrufen, man kann sie abermals vorlesen lassen, was sich aber bei Verlinkungen nur komisch anhört. Ferner gibt es die Optionen, einen Tweet zu favorisieren, ihn zu retweeten oder die Timeline einer bestimmten Person aufzurufen. Insgesamt meinen wir, dass sich der Nutzwert in Grenzen hält. Wer nur sehr wenigen Leuten bei Twitter folgt und seine Nachrichtenquellen gezielt ausgewählt hat, profitiert am ehesten davon. Alle anderen werden vermutlich einen Zugriff auf ihre Twitter-Listen vermissen. Ein bisschen mehr Raffinesse täte dem System also ganz gut.

Auch hier bleibt abermals die Frage unbeantwortet, wie man mit Links umgeht, die bei Twitter geradezu den Kern einer Meldung bilden. Wenn wir unsere Phantasie ein bisschen spielen lassen, bestünde eine bessere Lösung darin, dass eine Art Instapaper oder Read it Later implementiert würde, die Link-Verweise im Nachrichtenstrom automatisch auf die reine Textinformation eindampfen müsste. Die Inhalte könnte man dann während der Fahrt vorlesen lassen. Aber das wäre Zukunftsmusik.

Schön gezeichnet: Kommunikation im Mini

Die Facebook-Integration von Mercedes-Benz sieht auf dem Papier interessanter aus. Gerade die eingangs erwähnte Verknüpfung aus Mobilität und Freundschaftsbeziehungen bietet viel Potential für einen sinnvollen Umgang, auch im Auto. Und was ist mit der Ablenkung? Nach jeweils zwei Wochen im Mini und im 5er BMW meinen wir, dass die bayrische Lösung weitaus ungefährlicher ist als der Griff zum Smartphone während der Fahrt. Wer sich Meldungen vorlesen lässt, muss den Blick nicht von der Straße nehmen. Ärgerliche Kleinigkeiten der Elektronik und Menüführung lenkten uns in beiden Fahrzeugen mehr ab als Facebook oder Twitter. Wer beispielsweise das iPhone mit dem Kabel angeschlossen hat, darf bei der nächsten Bluetooth-Nutzung das Gerät abermals neu konfigurieren, denn die Musikübertragung mit A2DP wird jedes Mal deaktiviert. Und der Weg in das dazu benötigte Menü ist deutlich länger als der zur nächsten Twitter-Nachricht.

 

Car-to-X-Kommunikation: Das Auto spricht mit seinen Artgenossen

Das Auto der Gegenwart kann dank seiner Sensorik und Assistenzsysteme fühlen. Es kann mit seinem Radar sehen. Von 2015 an wird das Auto auch mit den Fahrzeugen der Umgebung sprechen und ihnen zuhören. Das ist die Technik der Car-to-Car-Kommunikation, die unter dem Namen Car-to-X serienreif werden soll. Es handelt sich um ein aktives Sicherheitssystem, das die bewährten passiven (wie Airbag oder Gurtstraffer) ergänzt. Die neuen Systeme helfen dem Fahrer beim Einschätzen der Verkehrssituation und verschaffen ihm eine zusätzliche Zeitreserve, damit er rechtzeitig reagieren kann.

Ein Szenario: Das Auto erfährt schon 300 Meter vor der Kurve, dass es dort spiegelglatt ist. Der Fahrer wird gewarnt und verringert frühzeitig das Tempo. Die Idee besticht durch ihre Einfachheit. Der erste Trick: Jedes neue Fahrzeug weiß ohnehin über seine elektronischen Sensoren viel mehr über die Umgebung und die Straße, als der Fahrer ahnt. ABS, ASR, ESP heißen die bekanntesten Helfer, aber auch das Außenthermometer sowie die Sensoren für Warnblinker, Licht, Regen und Lenkwinkel sind unermüdliche Datensammler. Ihre Informationen liegen am Can-Bus des Fahrzeugs an. Und nun der zweite Trick: Das Auto soll künftig diese Daten mit seiner Umgebung austauschen. Also entsteht ein selbstorganisiertes, autonomes Netzwerk, das gleich einer Internet-Tauschbörse arbeitet, wo die Nutzer untereinander direkt und ohne Umwege Daten verschicken. Dazu wird das Fahrzeug mit einer Wireless-Lan-Einheit ausgerüstet, ähnlich der im Notebook. Das Auto ist zugleich Sender und Empfänger. Wichtige Gefahrenmeldungen werden wie ein Staffelstab von einem Fahrzeug zum nächsten weitergereicht.

Zwei Anzeigen: Die obere für Car-to-X ist ein Provisorium für den Testbetrieb (Foto Hersteller)

Jede Sendeeinheit erhält einen einzigartigen Schlüssel

Die Idee der Car-to-X-Kommunikation wird von einem Konsortium getragen, in dem deutsche Fahrzeughersteller, Zulieferer wie Bosch und Continental sowie wissenschaftliche Forschungseinrichtungen versammelt sind. Im Frühjahr 2012 wird im Rhein-Main-Gebiet mit einer Flotte von 120 Fahrzeugen ein breit angelegter Feldversuch aufgenommen. Das von mehreren Bundesministerien geförderte Projekt heißt „Sim TD“ – „Sichere intelligente Mobilität – Testfeld Deutschland“. Sim TD soll mehrere Dinge zeigen: dass die Idee technisch zu verwirklichen, seriennah und marktreif ist und welche Strategie der Einführung sinnvoll ist. Der neue Zusatz „X“ steht für Notrufzentralen und Einrichtungen zur Verkehrssteuerung. Die ursprüngliche Idee der autonomen Selbstorganisation wird also ergänzt um die Mobilfunktechnik, die Verkehrsinformationen von einer Leitzentrale ins Auto übertragen soll.

Wir haben Car-to-X während einiger Fahrten auf dem Testgelände im hessischen Friedberg bereits ausprobieren können. Im Cockpit der 120 Versuchsfahrzeuge findet sich ein neuer Monitor, auf dem alle relevanten Warnungen und Hinweise angezeigt werden. Das ist allerdings nur ein Provisorium. Im Serienbetrieb wird jeder Fahrzeughersteller Car-to-X in die Bedienlandschaft seiner Elektronik integrieren. Einzelne Funktionen sind dann im Audi über das MMI-System oder bei Mercedes-Benz über Comand aufrufbar. Im Feldversuch hingegen nutzen alle dieselbe Infrastruktur, so ist Chancengleichheit hergestellt. Das W-Lan-Modul der Fahrzeuge arbeitet nicht auf den gewohnten PC-Frequenzen, sondern hat seine eigene bei 5,9 Gigahertz. Es reicht bis zu zwei Kilometer weit. Wie am Computer verbinden sich die W-Lans im Ad-hoc-Modus, allerdings ist der komplizierte beiderseitige „Handshake“ drastisch vereinfacht. Es gibt feste Kanäle, und eine der großen Herausforderungen besteht darin, das System gegen Hacker zu sichern. Störsender könnten den Frequenzbereich blockieren, auch sind gefälschte Nachrichten denkbar. Jede Sendeeinheit erhält einen einzigartigen Schlüssel, der aber keine Verbindung zur Fahrgestellnummer hat.

„Virtuelles Blaulicht“

Auf dem Testgelände stellte sich das so dar: Wir fahren auf eine unübersichtliche Kurve zu. Zwei Smart sind dort in einen Unfall verwickelt, und über das vorausfahrende Fahrzeug werden wir rechtzeitig akustisch und mit Meldungen auf dem Display gewarnt. Auch das herbeieilende Rettungsfahrzeug wird mitsamt seiner Fahrtrichtung angekündigt. „Virtuelles Blaulicht“ heißt die Funktion. Beim dritten Experiment kommt die Warnmeldung allerdings zu spät: Als der BMW vor uns eine Vollbremsung absolviert, sind wir schon ausgewichen, bevor der Hinweis kommt. Kleine Minisender am Straßenrand sollen die W-Lan-Struktur ergänzen. Diese „Roadside Units“ bilden verstärkende Knotenpunkte im Netz und kommen an jenen Orten zum Einsatz, die für Stau oder gefährliche Situationen bekannt sind. So will man dafür sorgen, dass die Technik selbst dann funktioniert, wenn noch nicht alle Fahrzeuge mit W-Lan ausgestattet sind. Weitere Komponenten in der Stadt sind Ampelanlagen mit Funkmodul. Auf dem Testgelände übertragen sie bei der Annäherung die weitere Dauer der Rotphase und gegebenenfalls die optimale Geschwindigkeit. Dass mit der „Lichtsignalanlagen-Netzsteuerung“, wie es im Bürokraten-Deutsch heißt, eine Bevorzugung von Bussen einhergeht, wird nicht jeder goutieren.

Andere Details könnten ebenfalls zur Diskussion stehen. Der Kreuzungsassistent weist vorab auf ein Stoppschild hin, dergleichen erscheint überflüssig. Wer Stoppschilder nicht selbst wahrnehmen kann, hat am Lenkrad nichts verloren. Auch die Einfädelhinweise an Baustellen mögen gut gemeint sein, sind aber für wachsame Verkehrsteilnehmer nicht notwendig. Und wenn die Hinderniswarnung auf einen „verlorenen Spanngurt“ hinweisen sollte, wird gewiss mancher die Car-to-X-Meldungen als lästige Störung empfinden. Aber: Um solche und andere Erfahrungen zu sammeln, gibt es ja den Versuchsbetrieb. Die Ergebnisse sollen Ende 2013 vorliegen.

Apples Siri auf dem iPhone 4S im Auto mit Bluetooth-Freisprechern nutzen

Nach meinen bisherigen (kurzen) Erfahrungen gibt es keine gravierenden Probleme mit den gängigen Bluetooth-Freisprechanlagen im Auto. Etwas länger habe ich das iPhone 4S mit dem Comand-System in der neuen E-Klasse von Mercedes-Benz ausprobiert.

Der Siri-Sprachassistent kann sich gerade im Auto besonders nützlich machen. Etwa zum Diktieren von E-Mail oder SMS, zur Abfrage von Kalendereinträgen oder zum Erstellen von Erinnerungen. Wer allein fährt, kann also im Auto mit Siri sprechen und seine Dinge organisieren. Hier einige Hinweise:

1. Das iPhone 4S wie jedes andere Bluetooth-Telefon ankoppeln. Für Siri-Eingaben ist jetzt das Mikrofon des Fahrzeugs aktiviert und zuständig.

2. Für Siri nicht die Spracherkennungs-Taste des Fahrzeugs betätigen, sondern die Home-Taste des iPhone 4S länger drücken. Das funktioniert auch mit aktivem Sperrbildschirm.

3. Das gewünschte Kommando (“Welche Termine habe ich heute”, “E-Mail schreiben an Klaus Mustermann”, “Erinnere mich an Blumen für die Sekretärin”) in das Fahrzeug-Mikrofon sprechen.

4. Siri zeigt erkannte Kommandos und Befehle nicht nur auf dem iPhone-Bildschirm an, sondern antwortet mit Sprachausgabe. Unter “Einstellungen”, “Allgemein”, “Siri” gibt es den Menüeintrag “Sprach-Feedback”. Hier kann man den Menüpunkt “Nur Freisprecheinrichtung” wählen. Das heißt: Siris Sprachausgabe ist nur mit aktiver Bluetooth-Kopplung eingeschaltet. Sonst bleibt es bei der Bildschirmdarstellung.

5. Beim Einsatz im Auto ist zu beachten, dass sämtliche Befehle, Kommandos, Texteingaben über eine Mobilfunkverbindung auf Apple-Servern transkribiert werden. Wenn die Datenverbindung des iPhone 4S nicht funktioniert, gelingt auch die Spracherkennung nicht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man einem Ort zwar telefonieren kann, sich aber eine Datenverbindung nicht aufbauen lässt.

6. Marginalie: Bei der Musikwiedergabe mit A2DP im Mercedes gab es gelegentlich kurze Aussetzer.

Ohne Lion: iPhone 4S mit Mac OS X 10.6 in Betrieb nehmen

Um alle iCloud-Dienste des neuen iPhone 4S zu nutzen, ist Mac OS X 10.7 Lion erforderlich. Geht es allerdings nur darum, die Daten, Einstellungen und Apps eines älteren iPhone auf das neue 4S zu übertragen, reicht auch Mac OS X 10.6.6. Man bringe zunächst Mac OS X auf den neuesten Stand und lade insbesondere die iTunes-Aktualisierung 10.5.

Dann synchronisiere man das alte Gerät per Kabel mit iTunes. Nun das neue anschließen und das Backup des alten iPhone auf dem 4S wiederherstellen lassen. Dazu bei angeschlossenem iPhone 4S  einen Rechtsklick über der Geräteanzeige links tätigen, das Wiederherstellen-Menü wählen und den richtigen Backup-Datensatz wählen.

Bei dieser Wiederherstellung erhält das neue 4S den Namen des alten. Wenn Apps, Daten und Musik nicht beim ersten Synchronisieren auf dem neuen 4S vorhanden sind, synchronisiere man ein zweites oder drittes Mal. Alle Einstellungen, Benutzernamen und Kennworte werden übernommen, wenn das Backup des alten Geräts verschlüsselt war. Nicht übernommen werden nur wenige Kleinigkeiten, etwa die Bluetooth-Einstellungen oder individuell zugeordnete Klingeltöne.

 

 

Musik in der Cloud: Die wunderbare Leichtigkeit von HiFi 2.0

Noch bilden sie den HiFi-Altar im Wohnzimmer. Lautsprecher, CD-Spieler, Verstärker, Radio und andere Apparate tummeln sich rund ums Fernsehgerät, und im Regal kommen Hunderte von Audio-CDs dazu. Der Weg zur guten Musik im eigenen Heim gleicht einer japanischen Teezeremonie: Auswahl der zu spielenden Quelle, Blättern und Suche in der CD-Sammlung, Einschalten verschiedener Geräte und die manuelle Abstimmung der Lautstärke mit einem Drehsteller. Man kann dieses Ritual genießen.

Aber es geht auch einfacher. Ein Lautsprecher mit eingebautem Verstärker am W-Lan-Router, die passende App fürs Smartphone und ein Abonnement für Musikdienste im Internet sind schon alles. In weniger als fünf Sekunden erscheint die Liste der Neuerscheinungen auf dem Display des Telefons. Und mit einem weiteren Fingertipp spielt das neue Album von “Adele” im Wohnzimmer. Man hat es nicht erworben, man muss es auch nicht kaufen, und trotzdem ist das Ganze legal.

Musik-Streaming aus dem Netz und Musikspeicherung in der Cloud sind vor allem bei der jungen Generation beliebt. Die neuen Verfahren lösen sich vom physikalischen Datenträger und bieten damit einen universellen Zugriff auf Musik: zu Hause am PC und an der HiFi-Anlage, unterwegs auf dem Smartphone und dem Tablet PC. Streaming ist der Medienempfang über das Netz und die gleichzeitige Wiedergabe. Der Inhalt muss also vor der Wiedergabe nicht lokal (etwa auf der Festplatte) gespeichert werden.

Wer einen Blick auf die neuen Angebote wirft, sieht eine klare Differenzierungslinie. Das “konservative” Modell setzt wie gehabt auf den Kauf von Alben und Titeln. Die Innovation ist das Vorhalten in der Datenwolke des Internet und der einfache Kaufvorgang, indem neu erworbene Titel automatisch in die private Musik-Cloud eingeordnet werden. Überflüssig wird der Zwischenhandel, das Umwandeln der CD in MP3-Dateien und das manuelle Übertragen auf ein Smartphone.

Amazon hat in den Vereinigten Staaten sein “Cloud Drive” gestartet. Man meldet sich mit seinem Amazon-Nutzernamen an und kann unentgeltlich 5 Gigabyte Musik (und andere Daten) in die Wolke hochladen. Musik in den Formaten MP3 und AAC lässt sich fortan über ein Web-Interface streamen oder – auf Android-Smartphones und Tablet PC – mit Hilfe einer App wiedergeben. Auf den mobilen Geräten wird die Musik entweder lokal vorgehalten oder (bei vorhandener Netzverbindung) direkt aus der eigenen Cloud heraus abgespielt. Der Clou tut sich nach dem Erwerb von weiteren Stücken oder Alben bei Amazon auf: Sie wandern nicht nur sofort als MP3 in das eigene Cloud-Drive, sondern erhöhen derzeit auch den Gratis-Speicherplatz auf 20 Gigabyte.

Bei Amazon gekaufte Musik wird zudem nicht auf das Speicherlimit angerechnet. Ein starkes Argument, seine Musik nur noch bei Amazon zu kaufen. Und damit sind gleich die Grenzen dieses Diensts aufgezeigt. Ein direkter Zugriff auf vorhandene Musikbibliotheken (etwa Apple iTunes) ist nicht möglich, zudem gibt es die Amazon-App nur für Android und in einer (eingeschränkten) Version für die Blackberrys.

Eigene Musik landet in der Cloud

Das Hochladen älterer eigener Bestände in die Amazon-Cloud ist nicht nur mühselig, sondern selbst mit einem schnellen DSL-Anschluss zeitraubend. Gegebenenfalls ist man tagelang beschäftigt. Diesen großen Nachteil bringt auch das neue Google Music mit, das ebenfalls für das allgemeine Publikum nur in den Vereinigten Staaten zur Verfügung steht (man kann es mit “Einladungen” auch in Deutschland ausprobieren). Google Music bietet Platz für bis zu 20.000 Titel, auf die man via Browser oder Android-App zugreift. Für das iPhone und das iPad gibt es eine im Safari-Browser laufende Web-App. Bis zu acht Mobilgeräte lassen sich mit einem Account anbinden, ausgewählte Titel stehen “offline” für die Wiedergabe ohne Netzverbindung parat. Google bietet jedoch keine Möglichkeit, neue Alben zu kaufen und direkt in der Cloud abzulegen.

Und schließlich Apple. Mit dem kommenden iPhone-Betriebssystem iOS 5 geht die iCloud an den Start. Sie ersetzt den Online-Dienst Mobile Me, und dahinter steckt ein übergreifendes Konzept der Datenspeicherung in der Wolke, bei dem es nicht nur um Musik geht. Vielmehr werden auf Wunsch (und abschaltbar) alle Nutzerdaten des iPhone oder iPad auf Servern von Apple vorgehalten. Die bisherige Datensynchronisation der Kleingeräte mit iTunes am PC oder Mac soll überflüssig werden. iCloud ist zugleich eine Backup-Lösung und ein Bildverwalter. Fotos, die man mit dem iPhone schießt, wandern automatisch nach Cupertino. Jedem Nutzer stehen fünf Gigabyte für E-Mail, Dokumente, Backups und Musik zur Verfügung. Kauft man Musik oder Bücher in Apples Online-Geschäft, wird deren Speicherplatz nicht angerechnet. Weiteren Speicher kann man zukaufen, und wie bei Amazon und Google lässt sich auch die vorhandene Musik in die Cloud bewegen und auf anderen Geräten bereitstellen. Allerdings mit einem Kniff. Sie wird von iTunes Match identifiziert und dann direkt aus dem iTunes Music Store bereitgehalten. Und zwar in einer hohen Auflösung (256 KBit AAC), ohne dass man nur ein einziges Lied manuell hochladen müsste. Für 25 000 Stücke kostet dieser Dienst 25 Dollar im Jahr, und auf diese Weise wird der vorhandene Altbestand, egal aus welcher Quelle er stammt, automatisch legalisiert. Apple hat entsprechende Vereinbarungen mit den großen Musikkonzernen getroffen.

Apple geht also deutlich über Amazon und Google hinaus und kann zudem die Frage beantworten, wie die Musik aus der Cloud an der heimischen HiFi-Anlage aufspielt. Die Antwort ist Airplay, eine hauseigene Streaming-Technik, die es erlaubt, Medien aller Art drahtlos über entsprechende Empfangsgeräte wie Lautsprecher, Stereosysteme oder Fernsehgeräte wiederzugeben. Noch pflegt Airplay allerdings ein Nischendasein.

Abschied vom Besitz

An dieser Stelle darf man getrost innehalten und eine radikale Frage in den Raum werfen. Warum sollen Milliarden von Hörern identische Stücke in riesigen Rechenzentren lagern, um auf eine Musikbibliothek dieser Welt zuzugreifen, die sich bequem und günstig auf wenigen Terabyte unterbringen ließe? Nur deshalb, weil man einzelne Stücke besitzt und andere nicht? Ist dieser Aufwand überhaupt zu rechtfertigen?

Hier setzt die Idee der Streaming-Dienste an. Sie verabschiedet sich von dem Gedanken, dass man Musik besitzt. Man schließt ein Abonnement ab und kann aus dem jeweiligen Angebot alles uneingeschränkt hören. Allerdings nur während der Laufzeit des Abonnements. Kündigt man dieses, bleibt nichts. Titel und Alben lassen sich nur hören, nicht dauerhaft speichern oder weitergeben. Unternehmen wie Napster oder Simfy haben Verträge mit den Verwertungsgesellschaften, so dass hier legale Angebote vorliegen. Millionen von Titeln stehen zur Verfügung. Man hört sie wahlweise am PC mit Internetverbindung, was keine 10 Euro im Monat kostet. Oder auf dem Smartphone in einer etwas teureren Variante und hier wahlweise im Streaming-Verfahren mit Mobilfunk-Datenverbindung oder im “Offline-Modus” vom Gerätespeicher.

Die diversen Dienste unterscheiden sich in zahlreichen Einzelheiten. In der Größe und Aktualität des angebotenen Musikrepertoires, der Leistungsfähigkeit der Software sowie dem Umgang mit Wiedergabelisten. Ferner in den Möglichkeiten, Streaming-Hardware anzusteuern oder der Verknüpfung mit sozialen Musiknetzwerken, in denen man seine persönlichen Hörgewohnheiten mit anderen teilt – und von Gleichgesinnten neue Vorschläge für frische Musik erhält, quasi eine bidirektionale Empfehlungsfunktion.

Sonos Play 3 mit Android-Smartphone (Foto Hersteller)

Wir haben das Angebot des Marktführers Napster einige Zeit ausprobiert. Das amerikanische Unternehmen entstand als Musiktauschbörse und bietet mittlerweile rund 17 Millionen Titel an. Die erste wichtige Erfahrung lautet: Die Masse macht’s. Geht man mit einem Mainstream-Musikgeschmack an Napster heran, ist die Fülle geradezu erschlagend. Es ist eben alles auf Mausklick verfügbar, zumindest aus den Bereichen Rock und Pop, Rap, Dance, Soul und Alternative. Wer sich mit Jugendlichen oder Junggebliebenen auf die Suche nach ihren Lieblingstiteln macht, sieht schnell ein Leuchten in den Augen.

Tote Hose bei den Toten Hosen

Nur kurz für 30 Sekunden anspielbar sind jedoch Titel einzelner Musikgruppen, die ihre Rechte nicht für Napster und Co. freigegeben haben. Dazu gehören etwa Die Ärzte, Die Toten Hosen und die Red Hot Chili Peppers. Auch manche Compilation fehlt bei unklarer Rechtelage, gegebenenfalls findet man aber die einzelnen Titel. Klassik und Jazz sind ordentlich bei Napster aufgestellt, aber der HiFi-Liebhaber älterer Schule wird mühelos Dutzende von CDs aus seinem Regal ziehen, die man auf Napster nicht findet, alte Einspielungen beispielsweise oder kleine Auflagen exotischer Labels. In diesem Sinne sind 17 Millionen Titel gewiss viel, aber mit viel weniger sollte man sich nicht zufriedengeben.

Faszinierend ist die Smartphone-Unterstützung. Auf bis zu drei Geräten, wahlweise Android oder iPhone, kann man mit der zugehörigen Napster-App nicht nur streamend live empfangen, sondern sich beispielsweise morgens Tag für Tag ein neues Album auf das Gerät laden, um es später mit Bluetooth A2DP im Auto wiederzugeben. Ein Limit für diese Offline-Titel gibt es bei Napster nicht. Dass die Napster-Software fürs iPhone gelegentlich hakt, sei am Rande erwähnt. Insgesamt ist das eine Zäsur. Der flinke Zugriff auf fast alle Titel wird selbstverständlich. Die Wege zur Musik sind nicht mehr durch den eigenen Aufenthaltsort oder durch das Vorhandensein von Medien begrenzt. Musik ist vielmehr so selbstverständlich wie Strom oder Wasser. Damit geht die Bedeutung einzelner Titel zurück, ihr ökonomischer Wert strebt bei solchen Flatrate-Angeboten gegen null.

Napster auf dem iPhone (Foto Spehr)

Und für die Musik zu Hause ändern Napster & Co ebenfalls alles. Wir haben nicht die HiFi-Anlage abgebaut. Denn die Klangqualität der mit MP3 oder AAC eingedampften Stücke ist zwar ordentlich, befriedigt aber nicht höchste Ansprüche. Indes haben wir die neue kleine Sonos-Anlage Play 3 zusätzlich aufgebaut. Sonos richtet sich seit Jahren an Zeitgenossen, die ihre Musik in iTunes-Archiven oder auf Netzwerkfestplatten vorhalten. Das amerikanische System reicht sie drahtlos an Abspielstationen (Zonen) im Heimnetz weiter. Mit Apps fürs iPhone oder Android steuert man die Wiedergabe, und zwar im gesamten Haus. Faszinierend ist, wie einfach das Ganze vonstattengeht. Neue Einheiten sind im Nu angekoppelt, aus zwei Zonen kann man ein Stereo-Pärchen machen, aber selbst im Mono-Einsatz klingt die Play 3 verblüffend gut. Nur ärgert man sich über einige Nickeligkeiten: Ein Zugriff auf iTunes-Wiedergabelisten fehlt, und Airplay wird von Sonos nur über den Umweg einer weiteren Komponente – Apples Airport Express – hergestellt.

Aber Sonos arbeitet sowohl mit sozialen Musiknetzwerken wie Last FM zusammen wie auch mit Napster. Damit schließt sich der Kreis. Ein solches System hat mit dem gewohnten HiFi-Konsum und der Stapelware im Tonträgerregal nichts mehr gemeinsam. Gesten auf dem Smartphone dienen der Navigation durch Genres, Alben, Interpreten oder das Internet-Radio, man startet eine Suchfunktion oder hört die Last-FM-Empfehlungen unbekannter Wahlverwandtschaften. Mit einem Fingerstreich werden also fast alle Zugangsgrenzen zum Universum der digitalen Musik niedergemäht. Das ist Musikhören 2.0.