Test: Google Nexus S

Einen Tick größer als ein iPhone 4: Google Nexus S (Foto: Hersteller)

Dieses Jahr wird das Jahr der Smartphones, der Taschencomputer zum Lesen der E-Mail, zum Surfen im Internet und zur Kontaktpflege in den diversen Netzwerken.  2010 sollen in aller Welt rund 270 Millionen in den Handel gebracht worden sein, für 2011 erwartet man eine Verdopplung der Verkaufszahlen.  Aber welches Betriebssystem macht das Rennen? In den Vereinigten Staaten stürmt seit Monaten das Android-Betriebssystem der „Open Handset Alliance“ nach vorn und liegt fast gleichauf mit Apples iOS für das iPhone und den Blackberrys des kanadischen Herstellers RIM. Global gesehen dominiert noch das ältere Symbian von Nokia, aber es verliert fortwährend Marktanteile. Und die Meinungsführer haben es schon lange abgeschrieben.

Für die meisten Fachleute ist klar: Android, das erst Anfang 2009 an den Start ging, wird schon in wenigen Quartalen weltweit die Führungsposition übernehmen. Warum Android? Das maßgeblich von Google vorangetriebene Betriebssystem ist freie Software und quelloffen. Ungeachtet der engen Bindung an den Suchmaschinenbetreiber kann man es ohne Gängelungen und Restriktionen nutzen, es ist zudem einfach in der Bedienung, sehr leistungsfähig und steht vor allem für eine geradezu atemberaubende Dynamik. In den vergangenen zwei Jahren wurde aus einem unscheinbaren hässlichen Entlein ein attraktives, modernes System mit allen wichtigen Funktionen – und mehr als 200.000 Zusatzprogrammen („Apps“). Dass Android im neuen Jahr einen kräftigen Aufschwung erleben wird, liegt darüber hinaus am Gerätepreis. In den nächsten Monaten werden günstige Androiden für weniger als 200 Euro erhältlich sein, hier und da ist sogar von 100 Euro die Rede.

Nun präsentiert Google sein zweites Modell mit „Android pur“, das Nexus S. Es ist das neue Referenzgerät, denn neben dem ein Jahr alten Nexus One (hergestellt von HTC) ist es der einzige Androide, der ohne jedes „Tuning“ in den Handel kommt. Bei allen anderen Produkten von HTC, Samsung, Motorola, Sony Ericsson und LG gießen die Hersteller ihre eigenen Erweiterungen über das Betriebssystem. Das soll raffinierte Verfeinerung sein und Zeichen der Eigenständigkeit. Tatsächlich aber sind diese Extras ein Ärgernis, weil sie überflüssig und meist unpraktisch sind und wertvolle Systemressourcen in Anspruch nehmen. Das Tuning verhindert zudem, dass Android-Aktualisierungen rasch auf das jeweilige Gerät gelangen. Alles muss erst produktspezifisch angepasst werden. Für das Motorola Milestone vom Dezember 2009 ist beispielsweise Android 2.2 (Froyo) noch immer nicht erhältlich. Also gute Gründe für Android ohne Schnickschnack.

Das Nexus S, das derzeit nur in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien für weniger als 500 Euro erhältlich ist, bringt als erstes und vorerst einziges Modell das ganz neue Android 2.3 Gingerbread mit, es ist also auch in dieser Hinsicht ein Vorreiter. Doch zunächst ein Blick auf die Hardware. Das von Samsung produzierte Gerät folgt unverkennbar dem Galaxy S der Koreaner: Es hat im Unterschied zum Nexus One ein Super-Amoled-Display, das hinsichtlich Sättigung, Leuchtstärke und Farbwiedergabe sofort überzeugt, aber draußen bei hellem Sonnenschein etwas schlecht ablesbar ist. Anzeige und Gehäuse sind übrigens leicht konkav gebogen. Es dominiert ein sehr dünnes und billig wirkendes Plastik, Materialanmutung und Verarbeitungsqualität sind bestenfalls ausreichend. Das Nexus S ist uns zu glatt und rutscht leicht aus der Hand, es ist aber ein bisschen größer und dicker als das iPhone 4 (6,3 × 12,4 × 1,1 Zentimeter, 130 Gramm).

Außer den Tasten zum Einschalten und zur Regulierung der Lautstärke gibt es keine mechanischen Bedienelemente. Die Android-Tasten am unteren Bildschirmrand sind Softkeys, selbst ein Kamera-Auslöser fehlt. Vermissen wird man ferner die für Android typische Leuchtdiode oder illuminierte Rollkugel, die auf verpasste Ereignisse, neue E-Mail oder Chat-Anfragen hinweist. Sogar den Speicherkarten-Einschub für Micro-SD-Medien hat man sich gespart, dafür sind üppige 16 Gigabyte fest eingebaut – und wie eine Speicherkarte ansprechbar. Der interne Arbeitsspeicher für Programme ist 1 Gigabyte groß. Nach der Installation etlicher Apps blieben bei uns 800 Megabyte frei. Probleme mit knappem Speicher, wie man sie vom Samsung Galaxy S oder HTC Desire kennt, dürften hier also nicht auftreten.

Der A8-Hummingbird-Prozessor von ARM mit 1 Gigahertz gewährleistet genug Arbeitstempo, man bewegt sich flott durch die Menüs. Die Bildschirmauflösung von 800 × 480 Pixel, die Ausstattung mit UMTS und HSDPA (bis 7,2 MBit/s), GPS, Bluetooth und Wireless-Lan, Micro-USB zum Laden und PC-Anschluss sowie 3,5-Millimeter-Klinkenbuchse für die Audiowiedergabe folgen üblichen Standards. Zwei Kameras (auch für Videotelefonie) sind eingebaut, die bessere Optik auf der Rückseite löst mit 5 Megapixel auf und wird von einem LED-Blitzlicht unterstützt. Die Fotoqualität ist gut, aber nicht sehr gut (bisweilen stört ein leichter Rotstich in der Bildmitte), und Freunde des bewegten Bilds werden die karge Videoauflösung von 720 × 480 Pixel beklagen. Innovativ ist der eingebaute NFC-Sensor für die „Near Field Communication“; der Standard zum kontaktlosen Datenaustausch über sehr kurze Strecken soll bei bargeldlosen Zahlungen künftig eine große Rolle spielen. Schon gibt es beispielsweise mit NFC das „Handy-Ticket“ im Rhein-Main-Verkehrsverbund. Vermisst haben wir zwei Funktionen, die beim Galaxy S zur Basisausstattung gehören: DLNA zum Medien-Streaming und Bluetooth Sim Access für hochwertige Auto-Freisprechanlagen.

Mit älteren Android-Apps ist Gingerbread kompatibel. Wir haben nicht ein einziges Problem bemerkt, aber das neue 2.3 hat doch einige Macken. So stellte sich mehrfach ein gewisses Chaos bei Klingel- und Hinweistönen ein. Anstelle des gewohnten Ruftons ertönte etwa beim eingehenden Anruf ein justament geladener Podcast. Wie beim Nexus One sind kleine Unstimmigkeiten mit den W-Lan-Routern von AVM zu beobachten. Nicht immer fand das Nexus S unmittelbar den Kontakt zur Fritzbox, wir probierten die Modelle 7270 und 7390 aus.  In Diskussionsforen werden weitere Tücken beim Einsatz von W-Lan beschrieben, die wir mit unserem amerikanischen Testgerät nachvollziehen können. Nicht ganz reibungslos lief deshalb die Erprobung einer weiteren Gingerbread-Neuheit: die Voip-Software für Internettelefonie nach dem Sip-Protokoll. Man muss nur Benutzernamen, Kennwort und Server eingeben, schon ist das Smartphone eine Art Schnurlostelefon mit Voip. Allerdings funktioniert das Ganze nur, wenn man im W-Lan eingebucht ist, nicht in den Mobilfunknetzen. Abgehende Anrufe gelangen einwandfrei, bei den ankommenden waren wir in einem von zehn Versuchen angeblich nicht erreichbar. Wer Voip mit älteren Androiden ausprobieren will, nehme die App „Sipdroid“, die zudem mehr Funktionen bietet.

Indes weist das neue Gingerbread viele kleine Verbesserungen auf, die man erst auf den zweiten Blick entdeckt. Markieren und Kopieren von Text ist einfacher geworden, die Bildschirmtastatur wurde deutlich verbessert, und das System insgesamt wirkt schöner und detailreicher. Das Speichersystem wurde grundlegend überarbeitet, es gibt nun eine detaillierte Statistik zum Stromverbrauch. Die wird man des Öfteren zu Rate ziehen, denn wie bei anderen Androiden ist die Akkulaufzeit wegen des uneingeschränkten Multitasking ein wunder Punkt. Bei mäßiger Nutzung musste unser Gerät spätestens nach 12 bis 13 Stunden an die Ladestation, sorgfältige Feinjustage brachte nichts. Mit einer Ausnahme: Das Abschalten von Wireless-Lan hilft. Das iPhone 4 jedoch hält bei uns doppelt so lange durch. Schwach ist Android 2.3 wie gehabt bei der Sprachwahl und der Spracherkennung. Unser Fazit: Hinsichtlich der Hardware und Verarbeitungsqualität ist das neue Google-Smartphone dem iPhone 4 klar unterlegen. Aber das schnörkellose Gingerbread ist ein großer Wurf, es überzeugt mit Gradlinigkeit und Konsequenz, es bindet sich in vorhandene Strukturen und Netze geschmeidig ein, ist leistungsfähig und schnell. Wer von Android begeistert ist, sollte dieses Gerät kaufen und kein anderes. Im Frühjahr kommt es auch nach Deutschland.

Test: Was bringt Windows Phone 7 von Microsoft?

Wenn Microsoft jetzt mit Windows Phone 7 den Smartphone-Markt neu aufmischen will, muss man zunächst einen Blick in die Vergangenheit richten, um aktuelle Entwicklungen zu verstehen. Ein Betriebssystem von Microsoft für Taschencomputer gibt es schon seit mehr als zehn Jahren. Aus heutiger Sicht waren die Geräte extrem umständlich zu bedienen.

Das neue Windows Phone 7 auf dem HTC Trophy nutzt große Schaltflächen zur einfachen Bedienung. Verpasste Anrufe sieht man sofort. (Foto: Hersteller)

Wer damals einen solchen “Pocket PC” nutzte, gehörte zur Avantgarde der besonders technikaffinen Menschen, die den Reiz des Neuen suchten. 2007 kam Apple mit dem ersten iPhone und veränderte die Smartphone-Welt grundlegend: Es konnte nicht viel, es war in technischer Hinsicht den Konkurrenzprodukten deutlich unterlegen. Aber es war verblüffend einfach zu bedienen und stieß quasi die Türen des mobilen Internets für neue Zielgruppen weit auf. Wir waren damals nicht begeistert und schrieben: “Alles weglassen, was nicht schick oder kompliziert sein könnte: Das ist die Maxime des iPhone. Ob das revolutionär ist, sei dahingestellt. Viele selbstverständliche und bei jedem anderem Handy vorhandene Dinge fehlen.” Diese Einschätzung kann man nun fast eins zu eins auf Windows Phone 7 übertragen.

Der Trick von Microsoft besteht also darin, die Erfolgsgeschichte von Apple zu wiederholen. Windows Phone 7 ist, wie damals das iPhone-Betriebssystem, von Grund auf neu entwickelt, nichts erinnert an die Vorgängerversion 6.5. Es ist ein Betriebssystem aus einem Guss, ohne Altlasten, ohne Schnörkel, und es kommt mit einem geradlinigen neuen Design, das Maßstäbe setzen wird. Es ist konsequent auf eine einfache Bedienung mit dem Finger zugeschnitten. Windows Phone 7 ist ein ästhetisches Produkt, das sich auf die wichtigen Dinge fokussiert – und alles andere ausblendet. Es hat nur diesen einen Pluspunkt. Wer in Kategorien wie Funktionsvielfalt und offenen Schnittstellen denkt oder sein Smartphone mit anderer Peripherie auf allen nur denkbaren Wegen vernetzen will, liegt hier falsch.

Wir haben uns das Windows Phone 7 (WP7) auf dem HTC Trophy angesehen, das etwa die Größe eines iPhone hat, allerdings deutlich dicker ist. Die technische Ausstattung gehorcht den üblichen Anforderungen der Oberklasse, das Display löst mit 480 × 800 Pixel auf, WirelessLan, GPS und Bluetooth gehören dazu, und ein flinker 1-Gigahertz-Prozessor sorgt für ordentliches Arbeitstempo. Acht Gigabyte Speicher sind eingebaut, SD-Karten als Erweiterung werden derzeit von WP7 nicht unterstützt. Man könnte das Gerät für ein Android-Modell halten, es sieht unscheinbar aus und verwendet neben zwei Seitentasten für die Einstellung der Lautstärke drei weitere berührungsempfindliche Schaltflächen unterhalb der Anzeige zur Bedienung. Ferner gibt es eine eigene Kamerataste, die Optik löst mit 5 Megapixel auf und versteht sich auch auf HD-Videos mit 720p. Die Verarbeitungsqualität des Trophy ist ordentlich, der Akku wechselbar, aber die rückseitige Abdeckung sehr dünn.

So wie sich das iPhone am liebsten in der Apple-Welt tummelt, ist WP7 ganz auf Microsoft ausgerichtet. In wenigen Schritten richtet man den Zugang zur geschäftlichen E-Mail mit dem Exchange-Account seines Unternehmens ein. Dann als zweite Adresse ein Windows-Live-Konto, etwa bei Hotmail, und gegebenenfalls noch den Facebook-Zugang. Das ist im Grunde schon alles, in weniger als zehn Minuten läuft das System, und alle Daten stehen unterwegs parat. Der Hauptbildschirm von WP7 zeigt den Weg in die einzelnen Abteilungen mit “Kacheln”, großen Schaltflächen, die sich mit einem Fingertipp aktivieren lassen. Und vor allem sieht man auf einen Blick die anstehenden Termine, neue E-Mail oder SMS sowie verpasste Anrufe. Zurück geht es stets mit einer Taste unterhalb der Anzeige, und in einzelnen Abteilungen kommen weitere Softkeys am unteren Bildschirmrand zum Einsatz. Das Ganze ist fein gemacht, das Gerät reagiert flink, und in diesem Sinne gefällt die Systemkonzeption.

Bemerkenswert ist die sehr tiefe Facebook-Integration. Kontakte aus dem sozialen Netz werden, wie bei anderen Top-Smartphones, nahtlos in die eigene Adressdatenbank eingeflochten, man sieht die Profilbilder und kann manuell Online-Kontakte mit Adressbucheinträgen verknüpfen, wenn das ausnahmsweise nicht automatisch erledigt wird. Mit einer Fingerbewegung in der Horizontalen erscheinen die letzten Facebook-Beiträge der Person, man sieht also schnell, was jemand gerade macht.

In Sachen Office-Funktionalität bietet WP7 ein ausgereiftes Programm mit der Fokussierung auf das Wesentliche. Man kann auf Ordner und Unterordner der elektronischen Post zugreifen, eine Volltextsuche steht parat, Rufnummern in der E-Mail lassen sich an die Telefonabteilung übergeben. Zum Schreiben wird eine virtuelle Tastatur eingeblendet, die Wortratefunktion mitsamt Thesaurus erlaubt schnelles Tippen. Angehängte Word-Dokumente lassen sich öffnen und bearbeiten, aber nur umständlich versenden. Man muss dazu in die Office-Abteilung gehen, die auf dem Smartphone eine mobile Version von Word, Excel sowie One Note und Share Point bereitstellt. Powerpoint-Folien kann man ansehen, aber nicht neu erstellen. Auf dem Handy vorgehaltene Dokumente werden leider nicht automatisch mit Windows Live synchronisiert, während eigene Handyfotos, Kontaktdaten und Kalendereinträge im Hintergrund selbsttätig abgeglichen werden. In diesem Sinne ist der Windows-Live-Account am PC so etwas wie das Apple-Pendant Mobile Me, allerdings gratis. Wie bei Mobile Me lässt sich ein verbundenes Smartphone orten, man kann es vom PC aus klingeln lassen, sperren und sogar aus der Ferne löschen. Nur dass Windows Live bei weitem nicht die Anmutung, Raffinesse und Arbeitsgeschwindigkeit von Mobile Me mitbringt.

Ähnliches gilt für die Musikabteilung: Während sich Apples iTunes zur häuslichen Multimediazentrale entwickelt hat, setzt Microsoft auf seinen Zune-Dienst, der nur eine sehr schlichte Verwaltung eigener Alben bietet – und unter der Motorhaube (etwa bei den Einstellungen für die Musikkonvertierung) intransparent bleibt. Nur mit der Zune-Software am Windows-PC gelingt der Zugriff via USB-Kabel auf das WP7-Gerät, und zwar auf Musik und Fotos. WP7 hat wie das iPhone kein dem Nutzer zugängliches Dateisystem. An dieser Stelle könnte man jetzt eine endlose Liste der Dinge aufzählen, die das neue Microsoft-Betriebssystem nicht beherrscht. Hier nur einige Hinweise: Es gibt kein “Copy & Paste” zum Übertragen von Inhalten, keine programmübergreifende Suchfunktion, keine Kontrolle bei der Datennutzung, keine Einstellung von Abrufintervallen für die E-Mail, es lässt sich nicht als Modem am Notebook verwenden (Tethering), es gibt keine Software für Internettelefonie, Bluetooth funktioniert nur mit Freisprechanlagen, es ist in seinen Möglichkeiten so beschränkt wie das erste iPhone. Während bei Apple mittlerweile mehr als 200 000 Zusatzprogramme parat stehen, führt der Microsoft-Marktplatz nur einige Dutzend auf, eine Twitter-Software fehlt bislang, eine Navigationslösung fürs Auto ebenfalls. Man muss also gegebenenfalls noch einige Zeit warten und kann sich mit der Spiele-Anbindung via Xbox Live trösten. Ob WP7 bei künftigen “Apps” ein Multitasking beherrscht, konnten wir nicht ausprobieren.

Es stellt sich die Frage, ob Microsofts Strategie als “Copycat” aufgeht. Das erste iPhone kam vor drei Jahren unter ganz anderen Rahmenbedingungen auf den Markt. Apple nutzte die Schwächen der damaligen Mitbewerber, um das Smartphone gesellschaftsfähig zu machen. Mittlerweile ist das iPhone deutlich weiter, aber Microsoft will noch einmal von vorn beginnen. Es gibt hier aber kein Alleinstellungsmerkmal und nichts, was WP7 besser könnte als die Konkurrenz. Und man muss sich eben voll und ganz auf die Microsoft-Welt einstellen, während Apple sein System an vielen Stellen geöffnet und damit leistungsfähiger gemacht hat. Vom noch offeneren Betriebssystem Android gar nicht zu reden. Wo ist nun die Zielgruppe für WP7? (F.A.Z. vom 26.10.10)

Test: HTC Desire HD

Es kommt nicht nur auf die Größe an: Das neue HTC Desire HD aus allen Blickrichtungen (Foto: Hersteller)

Man könnte es sich einfach machen und in das Lob einstimmen, das derzeit überall zu hören ist. Das HTC Desire HD ist demnach geradezu ein Über-Smartphone, das alles in den Schatten stellt. Dieses Android kommt mit Vollausstattung, ist rasend schnell und bietet Speicherplatz zum Abwinken, der Faszination des Taiwanesen kann man sich schwerlich entziehen. Zu den leckeren Finessen gehört der 1-Gigahertz-Prozessor, der ein geradezu atemraubendes Tempo vorlegt. Die Speicherprobleme des kleinen Bruders HTC Desire (und vieler anderer Oberklasse-Androiden) gehören der Vergangenheit an: Von den 1,5 Gigabyte Arbeitsspeicher stehen selbst nach der Installation Dutzender Zusatzprogramme noch 900 Megabyte zur Verfügung, das ältere Desire ächzte unter der Last und gab eine Fehlermeldung nach der anderen aus. Und natürlich kann man für eigene Daten mit Micro-SD-Medien nachrüsten. Die 8-Megapixel-Kamera macht draußen hervorragende Aufnahmen und in geschlossenen Räumen bei guter Beleuchtung ebenfalls. Es gibt eine Gesichtserkennung, viele Motivprogramme sowie einen (gemächlich arbeitenden) Autofokus. Die übrige Ausstattung ist ebenfalls vom Feinsten: Der UMTS-Turbo HSDPA schaufelt mit bis zu 14,4 MBit/s die Daten aus dem Mobilfunknetz ins Gerät, GPS, Bluetooth und Wireless LAN sind eingebaut, und das aktuelle Android 2.2 kommt zum Einsatz.

Über-Smartphone ist auch deshalb eine treffende Bezeichnung, weil das Desire HD mit Maßen von 6,8 × 12,3 × 1,2 Zentimeter das ältere Desire deutlich überragt, es ist vor allem dicker und schwerer (165 Gramm). Dieses Trumm packt man nicht mehr in die vordere Hosentasche, seine Bildschirmdiagonale von fast elf Zentimeter setzt ebenfalls Maßstäbe. In Sachen Bauform gerät man jedoch schnell ins Grübeln. 480 × 800 Pixel löst das Display auf, das iPhone 4 hingegen bietet auf kleinerer Fläche 640 × 960 Pixel mit knackscharfen Buchstaben.

Hier kann das Desire HD nicht nur nicht mithalten. Man fragt sich, warum das Gerät so groß geraten ist, wenn die Bildschirmauflösung nur den gängigen Standards folgt und kein bisschen mehr bietet. Auch die Qualität der Anzeige lässt zu wünschen übrig. Zum Einsatz kommt ein schlichtes LC-Display, das hinsichtlich der Farbwiedergabe neueren Amoled-Anzeigen klar unterlegen und bei strahlendem Sonnenschein schlecht abzulesen ist. Weitere Kritik darf man an der Verarbeitungsqualität üben. Dass es sich beim Gehäuse um eine Aluminium-Unibody-Konstruktion handelt, wie häufig zu lesen ist, wagen wir doch zu bezweifeln, wenn man damit eine Hülle meint, die aus einem Leichtmetall-Block herausgefräst wurde. Hier liegt jedoch ein gefalztes Metall vor, das mit Aussparungen für Fotoblitz, Kameraleuchte, Akku, Speicher- und Sim-Karte versehen wurde. Die Kunststoffabdeckungen an der Seite und unten wirken ebenso billig wie die nicht präzise einrastenden Tasten zum Ein- und Ausschalten und zur Regulierung der Lautstärke. Deutlich besser gefallen die berührungsempfindlichen Sensorflächen unterhalb der Anzeige, ein Gewinn gegenüber dem Vorgänger mit schnell verschmutzenden mechanischen Tasten.

Wie bei HTC üblich, gießen die Taiwanesen ihre Sense genannte Oberfläche über das Betriebssystem Android. Auch Motorola und Samsung meinen, dass solche “Verschönerungen” einen Mehrwert darstellen. Tatsächlich geht es aber darum, dass sich die Hardware-Hersteller ein Stück vom großen Kuchen der Inhalte und der sozialen Netzwerke einverleiben wollen. Sie treten deshalb beispielsweise bei Facebook oder Twitter als “Man in the Middle” auf, greifen die Zugangs- und Nutzerdaten ab und versuchen krampfhaft, in einer Sphäre mitzumischen, in der sie eigentlich nichts verloren haben.

Bei dem hier grundlegend erweiterten Sense sieht man das an jeder Ecke, vor allem wegen der (abschaltbaren) Verknüpfung des Smartphones und der Nutzerdaten mit einem Web-Server von HTC. Auf den ersten Blick ist die Steuerung im Browser-Fenster beeindruckend: Man kann das Gerät orten, sperren oder löschen, SMS am PC schreiben und ebendort Rufweiterleitungen einrichten. Vieles funktioniert aber noch nicht immer, und ein genauer Blick hinter die Kulissen fördert unschöne Dinge zutage: nicht nur, dass die privaten Kontaktdaten aus dem Telefonbuch hochgeladen werden, sondern auch, dass ein Abgleich mit anderen Desire-Besitzern vorgenommen wird. Die sieht man in einer “HTC Community” mit Name und gegebenenfalls auch mit Foto. In unserer Liste standen einige bekannte Namen und viele Unbekannte, die uns dann wohl auch gesehen haben.

Der Akku reicht nur für einen knappen Arbeitstag

In der Gesamtschau meinen wir, dass das nackte Android 2.2 schöner und vor allen Dingen schlanker ist. Richtig ärgerlich wird das Ganze bei Fehlern, die sich hier eingeschlichen haben und die bei “Android pur” nicht zu beobachten sind. Der Kalender beispielsweise zeigt in der Wochenansicht nur farbige Balken bei Terminen, nicht aber den zugehörigen Texteintrag. Ferner lassen sich Kalender aus unterschiedlichen Quellen nicht kombinieren. Wir probierten die Business-Lösung Google Apps für Unternehmen und konnten nur einen einzigen Kalender zur Ansicht bringen – eine Hürde, die übrigens das Nexus One und das iPhone spielend überwinden. Auch das permanente Aktivieren des Bildschirms bei einem Kalendereintrag mit Alarm halten wir für einen Fehler: Der Akku wird auf diese Weise schneller geleert, als einem lieb ist. Er hält ohnehin nur knapp einen Arbeitstag durch.

Bei den Kontakten kann man zwar wählen, welche von welchem Konto angezeigt werden – synchronisiert sind aber unabhängig von dieser Einstellung alle. Die böse Überraschung kommt dann beim Einsatz mit der Bluetooth-Freisprecheinrichtung im Auto. Sie zeigt wirklich alle Einträge an, und das kann schnell zum Datenchaos führen. Auch die zahlreichen Suchfunktionen verwirren. Neben der Suchtaste am Bildschirmrand stehen eine Schnellsuche, eine Sprachsuche und eine Kontaktsuche als eigene Menüs parat. Nur am Rande: Die Spracherkennung (von Google) ist im Vergleich mit Dragon Dictation (von Nuance, nur fürs iPhone) grottenschlecht.

Mit HTC Locations erhält man neben der Gratis-Navigation von Google einen zweiten Routenführer, der allerdings kostenpflichtig ist, wenn man mehr als nur die Wegbeschreibung sehen will. Überzeugend funktionierte allerdings nicht einmal die unentgeltlich installierte Variante. Mehr Freude bereitet die DLNA-Unterstützung, wie man sie auch auf den neueren Samsung-Androiden findet. Mit diesem Standard der “Digital Living Network Alliance” kann man flink auf dem Smartphone auf jene Medien zugreifen, die sich beispielsweise auf TV-Receivern oder einer an der Fritzbox angeschlossenen Festplatte befinden. Sehr schön auch die obere Menüleiste, die wie beim iPhone einen Schnellzugriff auf die zuletzt gestarteten Anwendungen erlaubt, und das Tethering, das aus dem Desire HD einen mobilen Hotspot für Notebooks und andere Geräte macht. Alles in allem meinen wir, dass zwar die Fülle der Möglichkeiten überragend und faszinierend ist. Für 600 Euro erhält man viel – in jeder Hinsicht. Aber eine gewisse Sorgfalt in den Details hätten wir uns ebenfalls gewünscht, und das gilt umso mehr, als das Android-Betriebssystem und der Android-Markt zunehmend unübersichtlich werden. Aber das ist ein anderes Thema. (F.A.Z. vom 30.11.10)