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Test: iPhone 4S

Objekt der Begierde: Das neue iPhone 4S (Foto Apple)

Das neue iPhone 4S kommt Freitag in den Handel, ist aber schwer erhältlich. Nur wenige Stunden konnte man es in der vergangenen Woche vorbestellen – und schon meldeten einige Provider und Netzbetreiber leere Lager. Ein Marketing-Trick? Denn die Reaktionen der internationalen Medien nach der Produktvorstellung waren eher verhalten. Das Kultobjekt aus Cupertino ist nämlich nicht das erwartete iPhone 5, sondern ein neues Modell in alter Schale. Auf den ersten Blick ist das iPhone 4S nicht vom Vorgänger 4 zu unterscheiden. Aber innen ist alles neu, und das betrifft sowohl die Hardware wie auch die Software. Mit dem iPhone 4S kommt das Betriebssystem iOS 5, es steht auch für ältere Geräte zur Verfügung – und ist ein Meilenstein. Auch die verbesserte Hardware mit schnellerem Prozessor, neuer Kamera und neuer Mobilfunkeinheit darf als Schritt nach vorn gelten. So gesehen fehlt eben nur das i-Tüpfelchen eines jungen Designs, um aus der Evolution eine Revolution zu machen.

Um gleich mit der spektakulärsten Neuerung einzusteigen: Die Sprachbedienung und Spracherkennung, die Apple Siri nennt. Sie ist einzigartig, ein Alleinstellungsmerkmal: „Brauche ich am Montag in Paris einen Regenschirm“ spricht man in das iPhone hinein, und es wird in Sekunden der Wetterbericht für die französische Hauptstadt abgerufen, angezeigt und dahingehend ausgewertet, dass die Antwort kommt „Nein, kein Regen in der Vorhersage angekündigt“. Der Experte erkennt sofort: Hier liegt nicht nur eine Spracherkennung mit der Umwandlung von Sprache in Text vor, sondern Siri interpretiert auch den Inhalt, die Semantik. Der Regenschirm muss etwas mit dem Wetter zu tun haben. Eine Regenjacke geht auch, erst die Frage, „kann ich morgen offen mit dem Cabrio fahren“ bringt Siri an Grenzen. Nicht, dass es an der Transkription scheitert. Es „versteht“ den Inhalt nicht. Siri kann man in so gut wie allen Abteilungen einsetzen. Es lassen sich Termine planen, Erinnerungen und Notizen eintragen, im Web oder auf der Wikipedia suchen, und wenn man das Gebotene zusammenfasst, ist das iPhone 4S das erste Smartphone, mit dem man sich in natürlicher Sprache unterhalten kann.

Siri ist nur in Grenzen lernfähig

Mit „Text to Speech“ liest Siri eingegangene SMS vor, E-Mails leider nicht. In der umgekehrten Richtung lässt sich die Spracherkennung überall dort nutzen, wo die virtuelle Bildschirmtastatur eingeblendet wird. Sie hat nun ein kleines Mikrofonsymbol, und nach dem Diktat wird auf Apple-Servern transkribiert. Ohne Mobilfunkverbindung oder Wireless-Lan geht es also nicht. Die Erkennung ist deutlich leistungsfähiger als das Pendant von Nuance mit der Dragon-Dictation-App, obwohl die Software vermutlich von Nuance stammt. Bei alltagssprachlichen Diktaten arbeitet Siri in der Regel ohne einen einzigen Erkennungsfehler, auch Befehle für die Interpunktion werden zuverlässig umgesetzt. Lernfähig ist Siri nur in Grenzen, eigene Fachbegriffe lassen sich ihr nicht beibringen. Aber es werden die Kontaktdaten übernommen, um beispielsweise Kommandos wie „Termin mit Hans Müller nächste Woche Dienstag 10 Uhr einrichten“ zum Anlegen des Kalendereintrags und zum Versenden einer E-Mail-Besprechungsanfrage an Hans Müller ausführen zu können. Siri bleibt dem iPhone 4S vorbehalten, es ist großartig.

Spracherkennung: Siri in Aktion (Fotos Spehr)

Wo liegen die Grenzen? Zum einen befindet es sich noch in einer Beta-Phase. Manches wird bisweilen korrekt transkribiert, aber es gibt Fehlermeldungen bei der Umsetzung. Navi- und Karten-Kommandos werden momentan nur für das Gebiet der Vereinigten Staaten unterstützt, und ein Zugriff auf die Wissensdatenbank von Wolfram Alpha mit vielen weitergehenden Informationen funktioniert nur auf Englisch, dann aber mit verblüffenden Resultaten. Auf die Frage, wie viele Tage noch bis Weihnachten bleiben, liefert Wolfram Alpha als Antwort die richtige Zahl. Kleine Unstimmigkeiten sind ebenfalls zu beobachten, so versteht etwa die Musik-Steuerung zwar „Spiele ’Ein Deutsches Requiem’“, aber nicht: „Spiele Musik von Johannes Brahms“.

In der Öffentlichkeit autistisch mit dem Smartphone sprechen?

Die interessante Frage ist, ob und wie sich der Umgang mit Smartphones dank Sprachassistent ändert. Man gewöhnt sich schnell daran, nicht mehr den PC hochzufahren, sondern eine kurze E-Mail zu diktieren. Wir haben in den vergangenen Tagen viel am iPhone diktiert, weil uns schon der Start von Outlook zu lästig war. Im Auto fahrend kann man – ohne einen Blick auf das Smartphone werfen zu müssen – in Sprachdialogen seinen Terminkalender abrufen, ergänzen oder Aufgabenlisten erfassen. Und abends sitzt man auf dem Sofa und sagt einfach dem Smartphone, dass es einen morgen im Büro an die Reisekostenabrechnung erinnern möge. Das tut es auch, weil es über die Ortungsdienste und den eigenen Kontaktdatensatz die Adresse kennt. Die Verdichtung der Informationen und Dienste sowie der einfache Umgang machen Siri ungemein attraktiv. Nur: wird man auch in der Öffentlichkeit autistisch mit seinem Smartphone sprechen? Siri ist jedenfalls eine disruptive Innovation, welche die Tür zu einer Welt jenseits des PCs ein Stück weit öffnen könnte.

Das iPhone 4S bringt den flinken Doppelkernprozessor A5 des iPad 2 mit. Dass es schneller als sein Vorgänger ist, merkt man nicht unmittelbar, sondern lediglich an manchen Details, etwa an dem atemraubenden Tempo, in dem die Foto-App Hipstamatic neue Bilder „entwickelt“ oder bei Spielen. Schließt man das iPhone 4S ans TV-Gerät an, wird mancher gern auf seine Spielekonsole verzichten. Auch beim Einsatz der Kamera, deren Auflösung von 5 auf 8 Megapixel erhöht wurde, ist der Tempogewinn sofort spürbar. Sie steht für Schnappschüsse schneller parat, und das liegt nicht nur an der ebenfalls neuen Möglichkeit, die Fotoabteilung direkt am Sperrbildschirm aufzurufen.

Gegen schlechte Funkversorgung ist kein Kraut gewachsen

Die Qualität der Bilder ist bei Außenaufnahmen überragend und den meisten Kompaktkameras ebenbürtig. Das Autofokus-Messfeld lässt sich nun mit einem Fingertipp festlegen, die Optik hat eine zusätzliche fünfte Linse erhalten und der 1/3-Zoll-Sensor sei deutlich lichtempfindlicher geworden, sagt Apple. Es gibt nun eine Gesichtserkennung, aber wie gehabt lassen sich ISO-Empfindlichkeit, Belichtungszeit und Blende nicht manuell einstellen. Bei Innenaufnahmen hängt alles am vorhandenen Licht. Unter guten Bedingungen ist die Bildqualität ebenfalls sehr überzeugend. Passen muss das iPhone 4S, wenn die Kompaktkamera eine schummrige Umgebung mit starkem Blitz aufhellt. Schaltet man um auf Video, ist das iPhone 4S gerüstet für HD-Aufnahmen mit 1080p. Auch hier waren wir von der Qualität überaus angetan, zumal dank A5-Chip ein Bildstabilisator sowie eine Rauschunterdrückung mit dabei sind. Fotos und Videos lassen sich in Grenzen am Gerät selbst bearbeiten.

Die zweite große Innovation soll die überarbeitete Mobilfunkeinheit sein. Das ältere iPhone 4 ist angeblich empfangsschwach, weil die Balkenanzeige der Feldstärke mit dem Umklammern des Geräts einbricht. Jetzt sind zwei Antennen an Bord, das iPhone 4S wechselt automatisch auf die jeweils beste. Was bringt das? Bei unseren Standard-Tests, nämlich Dauertelefonaten in Gegenden mit schwacher Funkversorgung, blieb die Revolution aus. Die Sende- und Empfangseigenschaften sind nur geringfügig besser als beim Vorgänger. Gegen schlechte Funkversorgung ist kein Kraut gewachsen. Oder anders ausgedrückt: Ob ein Gespräch an einem unzureichend versorgten Ort geführt werden kann oder nicht, hängt mehr vom Wetter als vom jeweiligen Handy ab. Und zweitens: Vieltelefonierer im Auto werden auch beim neuen iPhone das Bluetooth-Profil Sim Access für allerbeste Telefonie mit hochwertigen Freisprechanlagen vermissen.

iOS 5 beseitigt auf einen Schlag das Wirrwarr

Ferner ist das iPhone 4S ein Welttelefon. Wer es für das amerikanische CDMA-Netz kauft, kann es auch in Europa mit GSM einsetzen. Umgekehrt haben wir Europäer nicht viel davon, weil es so gut wie keine Roaming-Abkommen für CDMA gibt. Mit dem UMTS-Turbo HSDPA empfängt das Neue bis zu 14,4 MBit/s. Abermals hält sich der Zugewinn in Grenzen, schon die 7,2 MBit/s des alten sind in der Praxis nur selten zu erreichen. Das neue Funkprotokoll LTE fehlt, das ist aus vielerlei Gründen kein Minuspunkt.

Der nächste Paukenschlag ist das neue Betriebssystem iOS 5, das (ohne Siri) auch dem iPhone 4 und dem 3GS sowie dem iPad als Gratis-Update zur Verfügung gestellt wird. iOS 5 beseitigt auf einen Schlag das oft kritisierte Wirrwarr der Hinweise und Meldungen unterschiedlicher Apps. Im neuen Notification Center ist alles unter einem Dach versammelt, man streicht mit einer Fingerbewegung über den oberen Bildschirmrand und sieht sofort neue E-Mail, Twitter-Nachrichten oder SMS. Die Idee lehnt sich an die ganz ähnliche Umsetzung des Android-Betriebssystems an, nur fehlt ein kleines LED-Lämpchen, das die Neuigkeiten auch bei ausgeschaltetem Bildschirm anzeigen müsste. Ungeachtet der rund 200 Neuerungen in iOS 5 gab es bei uns mit älteren Apps keine Probleme. Zu den sinnvollen Verbesserungen zählen wir iMessage: nutzen beide Gesprächspartner ein iOS-5-Gerät, werden Nachrichten gratis über W-Lan oder Mobilfunk zugestellt, andernfalls kommt die kostenpflichtige SMS zum Einsatz.

iPhone 4S hält nur um die 20 Stunden durch

Mit iOS 5 kann man endlich sein neues Gerät ohne iTunes-PC in Betrieb nehmen, Kabel ade. Noch weitgehender ist die Integration in die Cloud-Dienste von Apple, die sich bislang nicht vollständig erproben ließen. Die Musikdienste hatten wir hier unlängst beschrieben, fünf Gigabyte Speicherplatz stehen für persönliche Daten und das Backup des Gerätespeichers in der Datenwolke zur Verfügung. Die Cloud muss man nicht nutzen, wer ohnehin mit Exchange oder einem Google-Server synchronisiert, mag dabei bleiben.

Alles in die Cloud? Man kann zum Glück selektiv ein- und ausschalten

Was schon jetzt einwandfrei funktioniert, ist der Fotostream: eigene Aufnahmen werden im Hintergrund in die Cloud hochgeladen und selbsttätig mit allen anderen Apple-Geräten via W-Lan synchronisiert. Das hört sich zunächst schick an, verliert indes seinen Reiz, wenn man doch recht lange auf die Schnappschüsse wartet und den zusätzlichen Stromverbrauch berücksichtigt. Denn setzt man alle neuen Optionen und Möglichkeiten ein, reduziert sich die Arbeitszeit des iPhone 4S gegenüber dem Vorgänger deutlich. Die neue Erinnerungsfunktion beispielsweise schaltet GPS dauerhaft ein, um ortsbezogene Hinweise geben zu können. Auch die Cloud-Dienste fordern ihren Tribut. Nur nach sorgfältiger Feinjustage hielt das iPhone 4S bei uns um die 20 Stunden durch. Der Vorgänger schaffte 30 Stunden und mehr. Das ist unser Hauptkritikpunkt. Ärgerlich zudem: Das stromhungrige UMTS ist nicht mehr abschaltbar.

Android bleibt der schärfste Rivale

Alles in allem macht das iPhone 4S im Vergleich mit der Konkurrenz eine sehr gute Figur. Nicht nur, dass kein anderes Smartphone so etwas wie Siri zu bieten hätte. Die Scharte des umständlichen Hinweissystems wurde mit dem Notification Center mehr als nur ausgewetzt. Die Kamera arbeitet hervorragend. Die Verarbeitungsqualität sowie die Wertstabilität sind klare Pluspunkte. Hinzu kommt die große Auswahl hochwertiger Apps. Vieles gibt es nur für iOS. An das neue Betriebssystem gewöhnt man sich schnell, es gibt keine nennenswerten Kompatibilitätsprobleme. Android bleibt der schärfste Rivale. Seine Vorzüge liegen in der größeren Offenheit bei Apps und Betriebssystem, mehr Möglichkeiten der Erweiterung und Personalisierung sowie in der bunten Vielfalt der Hardware und im kleineren Preis. Das günstigste iPhone 4S mit 16 Gigabyte Speicher kostet 630 Euro, das neue Top-Modell mit 64 Gigabyte liegt bei 850 Euro.

Nuance, das iPhone und das neue Dragon 11.5

Kommt die Nuance-Spracherkennung zusammen mit dem neuen iOS 5 aufs iPhone? Dazu gab es vor der Entwicklerkonferenz WWDC etliche Gerüchte, aber gezeigt wurde nichts. Indes sieht man in der ersten Beta-Version des iOS 5 mehr als nur einen Hinweis auf eine Nuance-Software im Betriebssystem.

Zudem aktualisiert der amerikanische Marktführer bei der Spracherkennung in diesen Tagen seine PC-Software Dragon NaturallySpeaking auf die Version 11.5, und die bringt dann eine iPhone-Integration mit. Das iPhone (3G, 3GS, 4) und das iPad sowie der iPod Touch (4. Generation) mit iOS 4.2 und höher lassen sich als Drahtlos-Mikrofon für die Windows-Software einsetzen.

Wie funktioniert das? Beide Geräte müssen in ein- und dasselbe W-Lan eingebucht sein, anschließend kann man sein iOS-Gerät als Mikrofon konfigurieren. Auf dem Hauptbildschirm der zugehörigen App schaltet man mit einer virtuellen Taste das Mikro ein und aus, und das ist schon alles.

So sieht's aus: Drachen-Steuerung mit dem iPhone

Um es noch klarer auszudrücken: Das iOS-Gerät ersetzt das Mikrofon, es muss also der PC im W-Lan-Netz laufen, und es muss Dragon NaturallySpeaking ebenfalls laufen. Es handelt sich also nicht um eine Spracherkennung ohne PC. Vielmehr kann man sich ein Handmikrofon, ein Headset oder ein drahtloses Handmikrofon sparen. Geht es allerdings um besonders komfortable Handmikrofone wie das SpeechMike Air von Philips, wird man bei dieser iPhone-Lösung die Tasten für den Schnellzugriff auf oft benötigte Funktionen vermissen.

Für die Spezialisten: Das iPhone wird als eigenständige Audioquelle angeschlossen.  In der App gibt man den Namen des Dragon-Profils sowie die IP-Adresse des PCs ein.

Weitere Neuerungen in DNS 11.5:

  • Bessere Unterstützung von Internet Explorer 9, Windows Live Mail 2011, Open Office Writer 3.3
  • Sprachbefehle für Facebook und Twitter
  • Neue Sprachbefehle für Microsoft Office 2010.
  • Lokale Speicherung von Benutzerprofilen, wenn das Speichern im Netzwerk zu lange dauert
  • Neue Assistenten für Diktiergeräte-Nutzer und bei der Umsetzung von Dateien

Das Update von DNS 11 auf die 11.5 wird gratis bereitgestellt und online geladen.

Hier die amerikanische Pressemeldung zu Dragon Remote.

Englische Zusammenfassung bei Gear Diary: Dragon NaturallySpeaking 11.5 Brings Social Media Integration, iOS Remote Mic and More

Die deutsche Pressemitteilung dazu.

Hinweis von Dr. Stephan Küpper, wonach die Inkompatibilität von DNS mit dem Adobe Reader 10 (ein Adobe-Problem) weiterhin besteht.